Heute bleiben viele Ex-Profis dem Fußball-Business erhalten – als Trainer, Manager, Berater. Früher war das häufig anders. Wir haben ehemalige Eintracht-Spieler gefragt, wie sie ihre Karriere nach der Karriere geplant haben. Unter anderem: Jürgen Kalb.
Erich Ribbeck konnte klopfen, so viel er wollte – Jürgen Kalb würde die Zimmertür nicht öffnen. Schließlich hat er tief und fest geschlafen. „An den Spieltagen war es immer besonders schwierig, meine Arbeit geheim zu halten. Ich war immer so müde von der Woche“, sagt er und lacht. Denn was sein Trainer Ribbeck und seine Mitspieler bei Eintracht Frankfurt nicht wussten: Kalb ging neben seinem Job als Fußballprofi einer gewöhnlichen Arbeit nach. Heimlich.
Heute, mehr als 50 Jahre später, kann er darüber lachen. Es ist schließlich auch alles gut gegangen. Mehr als 200 Pflichtspiele absolvierte Kalb zwischen 1967 und 1975 für die Eintracht. 1974 und 1975 holte er mit dem Team den DFB-Pokal. Der erste Erfolg war eng mit ihm verbunden, verwandelte der Abwehr- und Mittelfeldspieler doch im Halbfinale gegen den damaligen Tabellenführer FC Bayern den entscheidenden Elfmeter zum 3:2-Endstand. Kalb spielte in der Amateur-Nationalmannschaft und nahm mit ihr an den Olympischen Spielen 1972 teil.
„Er hat immer gedacht, ich würde schlafen“
Ribbeck vertraute seinem Schützling. Allein in seiner ersten Saison bei der Eintracht stellte er Kalb 28-mal auf. Doch wenn das Team vor dem Spiel das Trainingslager bezog und Ribbeck samstagmorgens an die Türen der Einzelzimmer klopfte, um seine Jungs zu wecken, konnte er sich über Jürgen Kalb nur wundern. „Er hat mich mehrfach gefragt, was los ist und wie ich immer so lange schlafen könnte“, erinnert sich der heute 76-Jährige. Erst Jahre später hat er seinem früheren Coach bei einem Wiedersehen erzählt, warum er so müde war.
Denn tatsächlich hat Kalb insgesamt recht wenig geschlafen in dieser Zeit. Fußball war nur sein halbes Leben. Das andere war: die Arbeit. 1964 hat Kalb die Schule beendet und eine Ausbildung zum Buchdrucker absolviert. Ein Jahr später meldete sich die Eintracht beim Nachwuchskicker aus Unterliederbach. Aber alles auf die Karte Profifußball zu setzen, war dem Vater des jungen Talents zu heikel. „Er hatte immer Angst, dass ich mich verletzen könnte und dann vor dem Nichts stehe“, sagt Kalb. „Deshalb habe ich einfach weitergearbeitet. Aber ohne es irgendwem zu erzählen.“
Sieben Jahre Doppelbelastung
Also stand der Jungprofi von morgens kurz vor sechs bis kurz vor neun in der Druckerei, machte sich danach zum Training an den Riederwald und anschließend wieder zurück an die Arbeit. Dienstage und Donnerstage waren besonders anstrengend, erinnert er sich. Denn an diesen Tagen stand nicht nur eine Trainingseinheit am Vor- sondern eine weitere am Nachmittag an. „Während sich meine Mitspieler – Charly Körbel, Jürgen Grabowski oder Bernd Hölzenbein – zum Kaffee in der Stadt trafen, ging ich nach Höchst an die Arbeit.“
Sieben Jahre lang hat Kalb das so durchgezogen – und niemand hat etwas gemerkt. Als es 1975 jedoch zum Wechsel nach Karlsruhe kam, musste sein Doppelleben enden. Zwar hatte er versucht, sich eine zusätzliche Arbeitserlaubnis von KSC-Präsident Roland Schmider einzuholen. Doch dieser winkte ab. Auf drei Jahre in Karlsruhe folgten zwei in Darmstadt, ehe er seine Profikarriere mit 32 Jahren beendete. Ein damals übliches Alter. Im Anschluss war Kalb kurze Zeit Spielertrainer bei seinem Heimatclub VfB Unterliederbach und spielte danach noch einmal zwei Jahre in Hanau. Dann hängte er die Fußballschuhe an den Nagel.
Vom Fußballplatz in die Anzeigenberatung
Statt dem Fußballgeschäft erhalten zu bleiben, wie es heute üblich ist, sah Kalb seine Zukunft fernab dieser schillernden Profiwelt. Nur wo? Eine Antwort auf diese Frage fand er buchstäblich in der Zeitung. Ein Freund arbeitete als Anzeigenberater für das Höchster Kreisblatt, einer Regionalausgabe der Frankfurter Neuen Presse. „Das habe ich mir mal angeschaut – und bin dann bis zur Rente geblieben. Also mehr als 30 Jahre“, erzählt der Ex-Profi. Wohl wissend, dass ihm seine prominente Vergangenheit bei der Anzeigenberatung oft ein Vorteil war. Jedoch ließ seine Bekanntheit im Laufe der Zeit nach, als er älter und seine Kunden immer jünger wurden.
Dem Sport ist Kalb ebenfalls erhalten geblieben. Er kickte in einer Ehemaligen-Mannschaft mit alten Weggefährten – mit Grabowski, Wolfgang Overath oder sogar Franz Beckenbauer. Außerdem fing er an, Tennis zu spielen. Am Ende zählte er in Hessen zu den besten Tennisspielern seiner Altersklasse. Mittlerweile liegt seine Freizeitgestaltung fest in der Hand der Familie: Kalb ist Großvater von vier Enkelkindern. Das eine oder andere, glaubt er, könnte von seinem Talent etwas geerbt haben. Wenn das auch für seinen Arbeitsethos gilt, steht ihnen einer erfolgreichen Karriere wohl nichts mehr im Wege. Egal in welchem Beruf.