Fußball in Deutschland ist eine Männerdomäne, auf dem Platz und in den Chefetagen. Seit Jahren kämpfen Frauen um mehr Gleichberechtigung, aber die Probleme bleiben dieselben. Warum der Fußball immer noch mit Frauen fremdelt – und was er von der Wirtschaft lernen kann.

Wenn ein Fußball gegen ein altes Garagentor aus Wellblech knallt, ertönt ein gehöriges Scheppern. Einigen Menschen in Obertshausen bei Frankfurt war dieses Geräusch Ende der Siebziger sehr vertraut. Stundenlang spielten Katja Kraus und ihr bester Freund in ihren Kindertagen dort auf der Straße Fußball. Er schoss, sie stand im Tor. Nicht selten gab es Ärger von genervten Nachbarn. „Ich habe daher einen gewissen Ehrgeiz entwickelt zu verhindern, dass der Ball gegen das Wellblech fliegt“, sagt Kraus und schmunzelt. „Womöglich bin ich also aus Rücksichtnahme eine ganz taugliche Torhüterin geworden.“

Das kann man so sagen. 220 Bundesligaspiele für den FSV Frankfurt und sieben für die Nationalmannschaft, drei deutsche Meisterschaften und vier DFB-Pokal-Titel stehen in ihrer Vita. Von September 1996 an blieb sie mehr als anderthalb Jahre ohne Gegentor – 1.314 Minuten sind bis heute Rekord in der Bundesliga. Dabei schien ihre Karriere schon beendet, als sie mit zwölf nicht mehr in einem Jungenteam spielen durfte und es in Obertshausen keine Mädchenmannschaft gab. Auch ihre Eltern waren nicht gerade glücklich. Hofften, das Thema würde sich erledigen, als Kraus zum FSV wechseln und fortan die 20 Kilometer zum Training mit dem Fahrrad fahren musste. „Früher war es ungewöhnlich und wurde belächelt und stigmatisiert, wenn Frauen Fußball spielten“, sagt sie.

Mittlerweile hat der Frauenfußball seinen Platz gefunden. Während Anfang der Siebziger rund 50.000 Frauen in Vereinen spielten, sind es heute viermal so viele. Die WM-Partie der deutschen Nationalmannschaft gegen Kolumbien war mit zehn Millionen Zuschauern das meistgesehene TV-Sport-Event des Jahres 2023. Dennoch kämpfen Menschen wie Katja Kraus noch immer für mehr Gleichberechtigung. 

Aber nicht nur im Fußball, auch in der Wirtschaft gibt es weiterhin große Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie eine aktuelle Studie von Indeed zeigt. Laut „Work needs Women“-Report glaubt jede zweite Frau in Deutschland, dass Männer bessere Karrierechancen haben. Und auch beim Thema Gehalt sind die Aussichten düster: Die Mehrheit der Befragten geht davon aus, dass es noch 50 Jahre dauern wird, bis Männer und Frauen gleichberechtigt bezahlt werden. Wie kann das sein? Wie äußert sich diese Ungleichheit im Fußball und im Business? Und wie kann sie überwunden werden?

Frauenfußball — und Frauen im Fußball

Fragen wie diese treiben auch Axel Hellmann um. Der Vorstandssprecher der Eintracht ist schließlich nicht nur für die Männermannschaft verantwortlich. Seit 2020 die deutschen Rekordmeisterinnen vom 1. FFC Frankfurt unter das Dach der Eintracht gewandert sind, gehört ein auch ein Frauen-Profiteam zum Klub. Zudem sieht sich der Jurist als Unternehmer. Für die Eintracht arbeiten immerhin rund 600 Menschen, an Spieltagen sogar mehr als 1.000.

Beim Thema Gleichberechtigung differenziert Hellmann: zwischen Frauen im Fußball und Frauenfußball. Das eine bezieht sich auf die Rolle von Frauen in der Organisation der Männerfußball-Vereinen, vor allem den Führungsgremien. Das andere meint den Bereich fußballspielender Frauen. In Sachen Diversität sieht er die Eintracht demnach gut aufgestellt. Im Klub sei der Anteil von Frauen und Männern recht ausgeglichen, sagt der Vorstandssprecher: „Das entspricht auch den Werten des Vereins.“ Was die Bezahlung angeht, würden vergleichbare Positionen auch ähnlich bezahlt. 

Ähnlich verhalte es sich mit der Gleichberechtigung auch beim Frauenfußball. Den Profispielerinnen würde bereits das Gleiche bezahlt wie den Männern. „Bemessen am Umsatz“, erklärt Hellmann: „Was wir erwirtschaften, können wir auch ausgeben.“ Das klingt wie eine Business-Binse, folgt jedoch einer einfachen Logik: „Profisport dient nicht vorerst der Gemeinnützigkeit, sondern soll unterhalten. Sicher sind die Beträge bei den Männern schwindelerregend hoch. Aber auch hier geben wir nicht mehr aus, als wir uns leisten können. Dieses gesunde Ökosystem etablieren wir bei den Frauen auch.“

Frauenfußball und die Identitätsfrage

Der Frauenfußball in Deutschland hat sich professionalisiert, keine Frage. In der Saison 2021/2022 hat die Bundesliga rund 17 Millionen Euro umgesetzt, etwa 40 Prozent mehr als in der Spielzeit davor. Der Zuschauerschnitt hat sich mittlerweile verdreifacht. Kraus begrüßt diese Entwicklung, findet jedoch, dass die Professionalisierung weitergehen muss; dass der Frauenfußball eine eigene Identität und ein tragendes Geschäftsmodell braucht, um zukunftsfähig zu sein. In der aktuellen Bundesliga ist nur noch die SGS Essen nicht innerhalb eines großen Männer-Bundesligisten angesiedelt und davon abhängig. Kraus sagt: „Wenn die Frauenbundesliga ein Abbild der Wirtschaftskraft der Männerklubs bleibt, wird es auf Dauer langweilig. Zudem verändert es die Ausstrahlung und das Selbstbewusstsein der Spielerinnen, wenn sie nicht mehr von Zuwendungen abhängig und dafür dankbar sein sollen.“

Diesen Männerfußball kennt Kraus nur zu gut. Nach ihrer Karriere wurde sie Pressesprecherin der Eintracht, wo sie in einer emotionalen Zeit ihre Liebe zur SGE entdeckte. Von dort wechselte sie als Marken- und Kommunikationsverantwortliche in den Vorstand des HSV, als erste Frau in dieser Funktion. Die besondere Beachtung zog sich ebenso durch ihre Karriere wie Diskreditierungen: Von „Trikottausch“-Gebrüll auf dem Platz bis zu „Ausziehen“-Rufen auf der Mitgliederversammlung hat sie alles erlebt. 

Auch heute hinkt der Fußball in Sachen Gleichberechtigung weit hinter Wirtschaft oder Politik her. „Das hat viel mit gezielter Förderung von Frauen und dem konsequenten Abbau von strukturellen Hürden zu tun“, sagt Kraus. So gebe es zum Beispiel viel zu wenig Trainerinnen – und keine entsprechende Initiative, etwa durch passende Rahmenbedingungen oder niedrigere Zugangshürden etwas daran zu ändern. „Dass ein 72-jähriger Mann (Horst Hrubesch, Anm. d. Red.) die Frauen-Nationalmannschaft retten muss, ist ihm persönlich zu gönnen und ein toller Karriereabschluss“, sagt Kraus. „Die Realität, die dazu führt, ist allerdings vollkommen inakzeptabel.“

Parallelen bei Bundesliga und Business

Doch das fehlende Bewusstsein für Diversität und zeitgemäße Führung ist nicht nur auf dem Platz sichtbar. Auch in den Führungsgremien sind derzeit gerade einmal drei Prozent Frauen zu finden. Und weiterhin sind die Fotos homogener Männerrunden alltäglich. Die Wirtschaft ist da schon einen Schritt weiter. So lag der Frauenanteil in den Vorständen der DAX-Unternehmen 2023 bei 23 Prozent und war damit so hoch wie nie. Und während in der Wirtschaft mehr als die Hälfte der Personalwechsel auf Führungsebene mittlerweile dafür genutzt wird, die Stellen mit Frauen zu besetzen, ist es im Fußball gerade einmal jeder zehnte.

Dennoch liegt auch in der Arbeitswelt noch einiges im Argen, wie der „Work needs Women“-Report von Indeed offenbart. Das sieht auch Ute Neher so, Principal Talent Intelligence bei Indeed. Zum Beispiel fühlt sich trotz diverser Initiativen zur Chancengleichheit weniger als ein Viertel (23 %) der Frauen in Deutschland wohl dabei, um eine Beförderung zu bitten. Und das nicht ohne Grund: Nur etwa ein Drittel (35 %) glaubt, dass ihre Firma bei der Förderung von Frauen in Führungspositionen gute Arbeit leistet. „Es braucht ein Umdenken in deutschen Unternehmen“, sagt Neher. „Auf der einen Seite muss die strukturelle Ungleichheit von Frauen auf organisatorischer Ebene bekämpft werden. Auf der anderen Seite ist es aber auch an den Frauen, mutiger zu werden und Beförderungen selbstbewusst einzufordern.“

Es braucht ein Umdenken in deutschen Unternehmen

Ute Neher, Principal Talent Intelligence bei Indeed

Den gesamten Report gibt es hier zum kostenlosen Download.

Mit Mut und Kompetenz

Dass Frauen alle Berechtigung dazu haben, zeigt die Indeed-Studie ebenfalls. Zum einen wurden demnach 83 Prozent der geforderten Gehaltserhöhungen hierzulande bewilligt, 40 Prozent davon sogar in der gewünschten Höhe. „Wir können Frauen nur ermutigen, sich für mehr Gehalt einzusetzen, das zahlt sich in den meisten Fällen im wahrsten Sinne des Wortes aus“, sagt Neher. 

Als Geschäftsführende Gesellschafterin einer Agentur für Sportmarketing setzt Katja Kraus deshalb schon längst gezielt auf Frauen-Kompetenz. Besonders auf jene von Müttern, die mit einer beachtlichen Effizient den Alltag meistern und diese Fähigkeiten daher auch in den Job einbringen. „Es ist längst erwiesen, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse erzielen“, sagt sie. „Deshalb ist das auch kein Charity-Projekt, sondern ein Business Case.“ Und das sowohl in der Wirtschaft als auch in der Bundesliga.

Es ist längst erwiesen, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse erzielen

Katja Kraus, Mitinitiatorin und Beitragsvorsitzende von FUSSBALL KANN MEHR