Die Zukunft der Arbeit beginnt jetzt: Gespräch auf der SXSW mit Indeed-CEO Chris Hyams und Ellen McGirt, Senior Editor bei Fortune

By Indeed Editorial Team

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Im März 2023 sprach Indeed-CEO Chris Hyams auf der South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas mit Ellen McGirt, Senior Editor bei Fortune, darüber, was uns eine Disruption über die Zukunft der Arbeit sagen kann, und warum Equity so wichtig ist. Hier einige spannende Auszüge aus dem Gespräch.

Ellen McGirt: Was muss passieren, damit [Anbieter] nicht nur über die unbeabsichtigten Konsequenzen ihrer Technologien, sondern auch über die Menschen nachdenken, die sie bisher noch gar nicht berücksichtigt haben? 

Chris Hyams: Ich denke, die Thematik hat zwei Seiten. Da gibt es einerseits die Verpflichtungen und andererseits die Chancen. 

Als Branche haben wir die Verpflichtung, Menschen auszubilden, damit sie in der Lage sind, die richtigen Entscheidungen bezüglich der [Technologie] zu treffen. Sprechen wir zum Beispiel über Bias im Bereich KI: Wenn wir also Menschen haben, die diese [KI-]Systeme entwickeln, aber nicht von Anfang an durchdenken, dann werden gesellschaftliche Probleme einprogrammiert und verstärkt. Das macht es später extrem schwierig, diese Probleme zu erkennen und zu beheben. Das ist die Seite der Verpflichtung. Und meine einzige Lösung dazu ist es, die Menschen schon in der Ausbildung darauf zu trainieren. 

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Chancen. Es entstehen unzählige Möglichkeiten, nur schwach ausgebildete Märkte aller Art zu bedienen. In der Business-Sprache nennen wir das Blue-Ocean- und Red-Ocean-Strategien. Der rote Ozean ist dabei ein vorhandener Markt, der gut bekannt ist, und er ist rot, weil hier jeder gegen jeden kämpft und das Wasser voller Blut ist. Der blaue Ozean dagegen ist ein Markt, den niemand auf dem Schirm hat. 

Eines meiner Lieblingsbeispiele für einen schwach ausgebildeten Markt hat sich Rihanna erschlossen. Als schwarze Frau hatte sie erkannt, dass die 200 Jahre alte Schönheitsindustrie Produkte herstellt, die nur mit einer ziemlich schmalen Palette an Hauttönen arbeitete. Also brachte sie mit ihrem Unternehmen Fenty Beauty eine Foundation mit 40 Farbtönen heraus. Damit machte sie in den ersten fünf Wochen einen Umsatz von 100 Millionen USD. In den ersten 15 Monaten seit der Unternehmensgründung waren es bereits 570 Millionen USD. Und inzwischen bieten alle größeren Kosmetikunternehmen ebenfalls zahlreiche verschiedene Farbtöne an und sind auf demselben Weg.

Wo sind die Menschen, die Chancen für Gemeinschaften und Kund*innen erkennen, die unterversorgt sind und ignoriert werden? Rihanna ist ein lebendes Beispiel dafür. Und sie war keine Marketingspezialistin, die in einem Raum saß und nach Zielgruppen forschte. 

Ellen McGirt: Erzählen Sie uns ein wenig über Indeed und wie weit Ihr Verständnis für die Welt geht, so wie sie wirklich ist, denn das ist eine wichtige Voraussetzung.

Chris Hyams: Wir waren ursprünglich eine Suchmaschine. Wir haben bei uns erfolgte Klicks zu den anderen Seiten weitergeleitet. Das war eine gute Sache, denn es erleichterte die Jobsuche. Nachdem wir uns etwas näher mit der Aufgabe befasst hatten, Menschen bei der Jobsuche zu helfen, kamen wir zu dem Schluss, dass es nicht ausreicht, wenn sie nur ein Jobangebot anklicken. Es passiert so viel zwischen dem Anklicken eines Jobangebots und einer tatsächlichen Einstellung. 

Heute betrachten wir uns als einen in zwei Richtungen funktionierenden Marktplatz, auf dem Millionen von Arbeitgebern ihre Beziehungen und Interaktionen mit Kandidat*innen pflegen, die sie über Indeed erreichen. Das Ziel ist es, etwas Unpersönliches menschlich zu machen. Die große Wende brachte die Corona-Pandemie. Nachdem wir jahrelang versucht hatten, Bewerber*innen für die Vorstellungsgespräche per Video auf Indeed zu begeistern, stieg die Nachfrage danach von Unternehmensseite plötzlich um 1.600 %. Also richteten wir eine neue Plattform für Vorstellungsgespräche per Video ein, über die Bewerber*innen Indeed ihren Jobwunsch mitteilen und sehr schnell und einfach mit Recruiter*innen oder Personalverantwortlichen in Kontakt kommen können, und zwar nicht nach mehreren Wochen, sondern in wenigen Tagen. 

Ellen McGirt: Wie konnten Sie ein Unternehmen aufbauen, in dem gemeinsam gedacht wird?

Chris Hyams: Ich habe bei Indeed sehr oft die Antwort „Das weiß ich nicht“ gegeben. Damit habe ich laut gesagt, dass einer unserer Kernwerte im Unternehmen Innovation ist. Indirekt habe ich damit zum Ausdruck gebracht, dass der größte Feind der Innovation die Gewissheit ist. Und ich habe in meinem Berufs- und Privatleben sehr viel mehr Schaden angerichtet, wenn ich sicher war, die Antwort auf eine Frage zu kennen und falsch lag, anstatt einfach neugierig zu sein. 

Ich denke, es ist entscheidend für alle und auch für die Geschäftsführung, recht häufig zu antworten: „Das weiß ich nicht“. Genauso oft sollte man sagen: „Ich habe mich geirrt“. Die meisten Menschen empfinden es als viel leichter, sich hinterher zu entschuldigen, als zuzugeben, dass sie sich geirrt haben. Ich versuche dagegen, so oft wie möglich lieber „Ich habe mich geirrt“ zu sagen. 

Ellen McGirt: Wenn wir davon ausgehen, dass es immer weniger Jobs für immer mehr Jobsuchende geben wird, was denken Sie angesichts der KI-Entwicklung und weiterer Technologien über die Zukunft? Und was ist unsere Aufgabe in dieser neuen Zukunft?

Chris Hyams: Das ist ein sehr schwieriges Thema, denn die KI ist ein so viel mächtigeres Werkzeug als alle anderen Technologien zuvor. Ich glaube allerdings, dass es ähnlich wie bei allen anderen technischen Fortschritten sein wird. Diesmal ist es nur disruptiver, weil das alles so schnell passiert. Einer meiner besten Freunde ist ein Englischlehrer, mit dem ich schon seit 25 Jahren über das ewige Wettrennen zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen diskutiere: Die Schüler tricksen die Lehrer aus und die Lehrer versuchen, sie dabei zu erwischen. Heute ist er Fachbereichsleiter für Englisch an der Utah State University. Und sämtliche Fachbereichstreffen drehen sich derzeit um das Thema ChatGPT. Sie sprechen nicht mehr über Recruiting, sie sprechen über nichts anderes mehr. 

Ich glaube, wir werden in nächster Zeit eine Reihe von gewaltigen Disruptionen erleben. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Ich denke allerdings nicht, dass wir eine strukturelle Arbeitslosigkeit haben werden, in der die großen Veränderungen dazu führen, dass viele Menschen arbeitslos werden und das auch langfristig bleiben. Ich glaube aber, dass die Zyklen immer schneller und die Disruptionen immer heftiger werden. Wir werden uns also einer Situation gegenübersehen, in der Millionen von Menschen kurzzeitig arbeitslos sein werden. Das nehmen wir bei Indeed sehr ernst und möchten herausfinden, was notwendig ist, um Menschen so schnell wie möglich wieder in Arbeit zu bringen. Und ich hoffe, dass sich andere Leute ebenfalls darüber Gedanken machen.

Ellen McGirt: Wie können wir uns besser Gedanken über die Risiken in unserer Gesellschaft machen, vor allem über jene, die wir nicht sehen können? 

In der realen Welt sprechen wir darüber, wie wir Gebäude zugänglich machen können. Aber wie machen wir unsere Produkte in der Software-Welt Menschen mit Beeinträchtigungen beim Sehen oder einer Beeinträchtigung des Hörvermögens zugänglich? 

Meine Freundin Susan Smith kämpft für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie hat mir einen Cartoon gezeigt, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Er wurde für mich zur Basis, wo wir hinwollen, und er zeigt eine Gruppe von Kindern vor einer Schule. Alles ist voller Schnee, auch die Treppe und die seitliche Rampe. Man sieht eine Person die Treppe von Schnee befreien und ein Kind in einem Rollstuhl, das sagt: „Können Sie mir bitte die Rampe freiräumen, damit auch ich in die Schule gehen kann?“

Darauf antwortet der Mann mit der Schneeschaufel: „Okay, ich mache die Treppe zuerst, und wenn ich damit fertig bin, räume ich die Rampe frei.“ Darauf sagt das Kind: „Wenn Sie die Rampe freiräumen, kommen wir gleich alle über die Rampe hinein.“ Seitdem verwenden wir den Ausdruck „die Rampe freiräumen“. So etwas kommt von Susan und anderen Aktivist*innen. 

Wenn wir nun über die Entwicklung besser zugänglicher Software sprechen, dann bedeutet das nichts anderes, als dass sie einfacher zu bedienen ist, Objekte besser zu erkennen sind und sie eine einfache Navigation bietet. Alle profitieren davon, wenn man Produkte und Gebäude entwirft, die einfach zu bedienen und zu betreten sind. 

Ellen McGirt: Wir können ein System nicht ändern, wenn die Systementwicklung ein System nicht so erkennt, wie es ist. Wie haben Sie gelernt, die Augen offen zu halten und sich bewusst zu werden, dass Sie Teil eines ständigen Prozesses sind? 

Als ich mir vor etwa fünfeinhalb Jahren den Bücherstapel auf meinem Nachttisch angeschaut habe, ist mir aufgefallen, dass alle Autoren, die ich gelesen habe, männlich waren. Und dann fiel mir auf, dass sie alle Weiße waren. Damals habe ich mir vorgenommen, wenigstens für kurze Zeit – und das sind inzwischen fünfeinhalb Jahre – nur noch Bücher von People of Color zu lesen. Das wurde für mich zu einem ebenso intensiven Prozess wie alle anderen Dinge, die mich persönlich verändert haben. Es ist für mich als heterosexueller, weißer Cis-Mann ohne Behinderung, mit einem von Geburt an privilegiertem Leben teilweise schwierig, diese Menschen anders als als Zuschauer von außen zu verstehen. Es ist ähnlich wie bei einem Film, über den sich alle intensiv unterhalten und nachdenken, aber anschließend kehrt jeder direkt wieder zu seinem eigenen Leben zurück.

Immerhin habe ich eine Zeit lang durch eine andere Brille geschaut und die Art geändert, die Dinge zu betrachten, und wem ich zuhöre. Ich habe im letzten Jahr bei Indeed damit angefangen, mich einmal in der Woche in dem Büro, in dem ich gerade bin, mit einer zufällig zusammengestellten Gruppe von Menschen zum gemeinsamen Mittagessen zu treffen. Später gab es dann auch solche Treffen per Zoom-Konferenz, und inzwischen treffe ich mich zweimal im Monat mit einer kleinen Gruppe von drei bis fünf schwarzen Kolleg*innen von Indeed. 

So habe ich ungefähr 120 Personen bei 28 oder 29 Treffen persönlich getroffen, und vieles, was zunächst als Anekdote begann, ist inzwischen zu harten Fakten geworden, nachdem wir immer wieder darüber gesprochen haben. Ich erkenne immer wieder dieselben Muster, und auch bei der vielen Arbeit, die wir da reinstecken, gibt es ganz klare Erfahrungen, die Minderheiten in derselben Umgebung machen, in der ich mich auch befinde. Aber so etwas kann ich nur erkennen, wenn ich mich intensiv damit auseinandersetze. Ich wüsste nicht, wie man so etwas nur nebenbei machen könnte. Für mich ist das wie eine neue Brille. Und um es noch einmal zu sagen: diese Philosophie des „Freiräumens der Rampe“ wird durch diese Erfahrungen noch mehr gefestigt.

Möchten Sie das ganze Interview hören? Die Aufzeichnung finden Sie hier.

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