Wichtige Punkte
- Der Vormarsch der KI hat auf den globalen Märkten je nach Arbeitskräftebedarf, gesetzlichen Bestimmungen und kulturell bedingten Einstellungen unterschiedliche Auswirkungen auf die dortige Arbeitswelt.
- KI eröffnet zwar Möglichkeiten, um die Produktivität und Zufriedenheit der Mitarbeitenden zu steigern. Doch inwiefern Unternehmen dieses Potenzial ausschöpfen, hängt von ihren Prioritäten ab: Wollen sie ins eigene Personal reinvestieren oder lieber Gewinne maximieren?
- Von Burn-out-Problemen in Kanada bis hin zu Fachkräftemangel in den Niederlanden – die Zukunft der KI am Arbeitsplatz steht und fällt mit Fragen der ethisch vertretbaren Umsetzung, Schulungen der Mitarbeitenden und langfristiger Personalplanung.
In Italien könnte sich durch die Einführung von KI der Rückgang der Erwerbsbevölkerung ausgleichen lassen. In Großbritannien hat ein lockerer Ansatz bei der KI-Regulierung große Experimentierfreudigkeit ausgelöst. In den USA können Unternehmen KI gezielt zur Steigerung des Wohlbefindens ihrer Mitarbeitenden – und zugleich der Gewinne – einsetzen. KI stellt die Arbeitswelt auf den Kopf – wie genau, hängt vom jeweiligen Markt ab. Auch verschiedene Arten von Stellen sind auf unterschiedliche Weise betroffen. Aber einen Effekt hat künstliche Intelligenz überall: Sie regt dazu an, in sich zu gehen und die Bedeutung – und die Zukunft – menschlicher Arbeit zu hinterfragen.
Wie nutzen Arbeitgeber die potenzielle Zeitersparnis, die sich aus dem Einsatz von KI ergibt? Werden sie dadurch in ihre Belegschaft reinvestieren, also kürzere Arbeitswochen oder flexiblere Arbeitszeiten anbieten? Oder bereichern sie sich damit nur selbst, indem sie zu Ungunsten der Mitarbeitenden ihren Profit maximieren?
„Wir müssen uns Gedanken machen, weshalb wir Menschen schätzen“, sagt Kyle M.K., Talent Strategy Advisor von Indeed. „Nicht nur wegen ihrer Produktivität, sondern auch wegen ihrer wertvollen Ideen, ihrer starken Beziehungen und ihres Beitrags zur Motivation des Teams.“
Wir wollten in Erfahrung bringen, wie die einzelnen Märkte zum Thema Produktivität und KI stehen. Dazu haben wir Talent Strategy Advisors von Indeed aus der ganzen Welt gefragt, wie Arbeitgeber KI bereits nutzen und welche Auswirkungen sie für Arbeitnehmer*innen hat. Ihre Antworten sind hier nachzulesen.
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Erfahren Sie mehrUSA: Investitionen ins Wohlbefinden am Arbeitsplatz
In den USA könnte das Zeitalter der KI laut M.K. einige Arbeitgeber dazu veranlassen, mehr ins Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu investieren. Die Produktivität der eigenen Mitarbeitenden zu maximieren, reicht allein nicht aus. Denn Personalfluktuation ist und bleibt teuer und die Arbeitskräfte der Zukunft – Generation Z – erwarten bereits jetzt mehr Flexibilität von ihren Arbeitgebern.
„Selbst wer nur auf den Gewinn achtet, schneidet unter dem Strich besser ab, wenn es den Mitarbeitenden besser geht“, so M.K. Die Daten bestätigen das. Die University of Oxford hat die Ergebnisse des Work Wellbeing Score von Indeed untersucht. Dieser Analyse zufolge geht ein höheres Wohlbefinden von Mitarbeitenden mit höheren Unternehmensbewertungen, Renditen und Gewinnen einher.
„Unternehmen, die bei der Automatisierung stärker auf menschliche Aspekte achten, werden langfristig stärker davon profitieren.“
-Kyle M.K. Talent Strategy Advisor, Indeed
M.K. zufolge könnten Unternehmen in Zukunft dank KI-bedingter Optimierungen in ihre Mitarbeitenden reinvestieren, indem sie beispielsweise auf eine Vier-Tage-Woche umsteigen. Das wiederum würde die Produktivität steigern und käme der psychischen Gesundheit der Beschäftigten zugute. Andere Unternehmen nutzen diesen Zeitgewinn vielleicht zur Weiterbildung ihres Personals in Aufgaben, die KI nicht übernehmen kann.
Natürlich, räumt M.K. ein, wird es auch viele Unternehmen geben, die einen anderen Weg einschlagen und stattdessen mit den Produktivitätssteigerungen durch KI Entlassungen oder Einstellungsstopps rechtfertigen. „Es wäre naiv, die Zukunft durch die rosarote Brille zu betrachten“, so M.K. „Aber ich bin fest davon überzeugt, dass Unternehmen, die während dieses technologischen Wandels ihrem Personal Priorität einräumen, auf lange Sicht die Nase vorn haben werden.“
Niederlande: KI im Einsatz gegen den Fachkräftemangel
„In den Niederlanden treiben sowohl der Fachkräftemangel als auch die Suche nach Produktivitätssteigerungen die Einführung von KI voran“, sagt Alvera Lubbers, Talent Strategy Advisor in Amsterdam. Dadurch hält sie in den unterbesetzten Branchen IT und Gesundheitswesen Einzug. Einige niederländische Krankenhäuser nutzen laut Lubbers bereits KI-gesteuerte Chatbots und Diagnosetools, um überlastete Ärzt*innen und Pflegekräfte zu unterstützen, anstatt vergebens nach neuem Personal zu suchen.
Dennoch sind viele Mitarbeitende nach wie vor darüber besorgt, dass KI in der Arbeitswelt immer präsenter wird. „Ich beobachte definitiv Spannungen, wenn Arbeitgeber KI-Tools in den Niederlanden einführen. Die Menschen befürchten zum Beispiel, dass KI ihre Jobs ersetzen wird“, sagt sie. Lubbers geht davon aus, dass zwar einige Arbeitsplätze verschwinden könnten, aber auch viele neue geschaffen werden.
Sie sagt, dass Unternehmen durch KI erhebliche Zeiteinsparungen erzielen könnten. Das wiederum könnte bedeuten, dass die Arbeitswochen kürzer werden und die Mitarbeitenden sich verstärkt auf Aufgaben konzentrieren können, die sie als lohnender empfinden. Außerdem glaubt sie, dass etwaige Massenentlassungswellen durch niederländische Arbeitsschutzgesetze ausgebremst werden würden. „Arbeitgeber, die KI-bedingte Kosteneinsparungen in die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden reinvestieren, können sich auch eine Belegschaft aufbauen, die besser qualifiziert und fit für die Zukunft ist“, so Lubbers.
Italien: Langsame und stetige Einführung
Italienische Unternehmen brauchen besonders lang mit der Einführung von KI, insbesondere beim Screening von Bewerbungen. Das liegt sowohl an den dortigen gesetzlichen Bestimmungen als auch an der Angst vor Rufschäden, erklärt Gianluca Bonacchi, Senior Talent Strategy Advisor in Mailand.
„Die hier geltenden Vorschriften verbieten die verdeckte Überwachung von Mitarbeitenden strengstens. Zudem unterliegen Technologien, die Daten ohne ausdrückliche Zustimmung erheben, großen Einschränkungen. Italien achtet auch stark auf Privatsphäre und Datenschutz, besonders in Bezug auf sensible Daten, was sich auf den Einsatz von KI im Personalwesen auswirken kann“, sagt Bonacchi. „Unternehmen wollen unbeabsichtigte Diskriminierung vermeiden und sicherstellen, dass durch KI kein Bias eingeführt wird.“
Dennoch sieht Bonacchi Chancen für Unternehmen, die mit KI den Rückgang der Erwerbsbevölkerung ausgleichen. „In Italien ist die Produktivität nicht so schnell gestiegen wie in anderen Ländern. Und das wäre eine gute Gelegenheit, um das Unternehmenswachstum und die Wirtschaft anzukurbeln. Wie jede größere Veränderung wird auch KI Folgen für die Beschäftigten haben. Aber angesichts des Rückgangs der Erwerbsbevölkerung sollte sie als Lösung eines für uns unlösbaren Problems – des Fachkräftemangels – begriffen werden.“
Deutschland: Wachsende Möglichkeiten
Norman Mauer, Senior Talent Strategy Advisor aus Düsseldorf, sagt, dass deutsche Unternehmen ziemlich erpicht darauf seien, KI-Tools einzuführen. Das liegt auch am starken Automobil- und Maschinenbausektor des Landes.
Mauer sagt, er kenne ein riesiges Versandzentrum, das täglich Zehntausende Pakete abfertigt und KI-Übersetzungstools einsetzt, um seiner internationalen Belegschaft die Orientierung in den Lagerräumen zu erleichtern. „Früher gab es nur eine Roboterstimme, die in etwa vier verschiedenen Sprachen Anweisungen geben konnte. Wer keine dieser vier Sprachen beherrschte, konnte also mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mithalten“, erzählt er. „Das hat sich durch KI geändert.“
Mauer beschreibt auch ein großes Kundenservice-Callcenter, das seit Kurzem Chatbots einsetzt, um einfache Anfragen von Kundinnen und Kunden zu beantworten. „Vielleicht ersetzt die KI diesen speziellen Job, aber die Mitarbeitenden können dann in eine höhere Position aufsteigen“, sagt er und fügt hinzu, dass die Angestellten jetzt über Large Language Models direkt Fragen stellen können. Somit sind sie flexibler, als sich wie zuvor auf ein Handbuch verlassen zu müssen.
Dennoch ist Mauer skeptisch, ob KI die Arbeitswoche wirklich drastisch auf wenige Tage verkürzen und für mehr Freizeit sorgen wird. Welches Szenario wäre für einen Arbeitsplatz wie z. B. das Versandzentrum oder das Callcenter wahrscheinlicher? Mauers Prognose: „Sie werden genauso lang arbeiten, aber mit einem größeren und effektiveren Umschlag an Paketen und Informationen.“
Großbritannien: Verringerter Verwaltungsaufwand
Die relativ laxe KI-Gesetzgebung hat in Großbritannien eine unbändige Experimentierfreudigkeit ausgelöst, sagt der in England ansässige Senior Strategic Advisor Matt Burney. „Ich denke, wir haben einen strategischen Vorteil.“
Auch Burney bezweifelt zwar, dass das KI-Zeitalter Arbeitgeber von der Vier-Tage-Woche überzeugen wird. Er ist aber optimistisch, dass die Einführung von KI Führungskräften im Bereich Personal und Talent Attraction zugutekommen wird. Das gilt sowohl für die Qualität als auch die ebenso wichtige Freude an der Arbeit. „Talentierte Recruiter*innen konnten bisher wegen des administrativen Aufwands keine 500 Stellenanzeigen bewältigen. Aber jetzt, wo wir diese Aufgabe automatisiert haben, vielleicht schon“, sagt er. „Das verschafft ihnen Zeit für all die Aufgaben mit menschlicher Note, die sie am besten beherrschen.“
Auf der anderen Seite, so prognostiziert Burney, könnte die KI-Ära auch eher leistungsschwache Mitarbeiter*innen aussieben, deren Beitrag kaum über die Bearbeitung von Formularen hinausging. In einer Welt, in der ein Großteil dieser Aufgaben automatisiert abläuft, sagt er, „bleiben sie nicht lange unentdeckt“.
Frankreich: KI-Weiterbildungen
Für Eric Gras, Senior Manager of Talent Strategy in Paris, ist KI wie ein Zug, der Fahrt aufnimmt. In Frankreich sehen viele Unternehmen ihn vorbeizischen und trauen sich nicht, aufzuspringen. Woran das liegt? Vor allem an der Angst vor dem Unbekannten und dem Neuen, aber auch an den Produktivitätssteigerungen, die KI mit sich bringen könnte. „Wir denken: Wenn eine KI die Hälfte meiner Aufgaben besser und schneller erledigen kann, nimmt meine Vorgesetzte oder mein CEO mir diese Arbeit vielleicht weg“, erklärt Gras.
Unternehmen, die sich auf dieses Wagnis einlassen, investieren stark in die Schulung ihrer Mitarbeitenden in diesen Tools, um ihre Arbeit zu optimieren. „Anschließend können sie ihre Erfahrungen mit dem Einsatz der Tools und ihr Wissen über die damit verbundenen Vorteile an ihre Kolleg*innen weitergeben“, erläutert er.
Viele Unternehmen und Personalverantwortliche suchen jedoch immer noch nach Belegen für die Rentabilität von KI. „Wir müssen Beweise liefern“, so Gras. „Für Recruiter*innen ergibt KI dann Sinn, wenn man ihnen zeigt, dass KI etwas besser und schneller schafft und ihnen 30 % Zeitersparnis bringt. Das hat dann angesichts der Personalknappheit einen echten Mehrwert.“
Indien: KI soll Arbeitsplätze nicht ersetzen, sondern aufwerten
Was Indien von anderen Ländern der Welt unterscheidet, ist laut Rohan Sylvester, Talent Strategy Advisor in Bengaluru, „das große Maß an Optimismus und Zuversicht sowohl unter Arbeitgebern als auch unter Jobsuchenden“. Umfragedaten von Indeed zufolge nutzen 98 % der Führungskräfte im Bereich Personal und Talent Attraction und 91 % der Jobsuchenden bereits KI-Tools bei der Arbeit. Das ist unter den elf befragten Ländern der höchste Anteil.
„Bei der Einführung von KI in Indien geht es vor allem darum, die Produktivität und Effizienz zu steigern“, so Sylvester. Er merkt an, dass die meisten Führungskräfte im Bereich Personal und Talent Attraction der Meinung sind, KI könne den Recruiting-Prozess beschleunigen und individueller gestalten. „Die meisten Arbeitgeber werden die so hinzugewonnenen Kapazitäten wahrscheinlich in wertvollere Initiativen investieren, z. B. in die Schaffung, Innovation und Verbesserung der Candidate Experience. Für Recruiter*innen bedeutet das mehr Zeit für sinnvolle Interaktionen.“
Kanada: Kampf gegen Burn-out
Die Einführung von KI ist in Kanada in vielerlei Hinsicht einzigartig, sagt Alexandra Tillo, Talent Strategy Advisor bei Indeed in Toronto. Zum einen ist Kanada ein zweisprachiges Land, was „KI-Tools komplexer macht“. Zudem hat das Land schon früh KI-Gesetze eingeführt, einschließlich des Artificial Intelligence and Data Act (AIDA).
„Das setzt Arbeitgeber unter Druck, eine ethisch vertretbare und transparente KI-Nutzung zu gewährleisten, noch bevor formelle Gesetze in Kraft treten“, so Tillo. Zudem weist sie darauf hin, dass Kanada auch über starke Gesetze zur Gleichstellung am Arbeitsplatz und zum Schutz der Menschenrechte verfügt. „Daher sind kanadische Personalabteilungen vorsichtiger und stärker auf Compliance bedacht als einige andere Märkte.“
Dennoch, so Tillo, setzen kanadische Unternehmen die Technologie bereits für das Screening von Lebensläufen, das Planen von Vorstellungsgesprächen und die Suche nach geeigneten Kandidat*innen für eine Stelle ein. Unternehmen wünschen sich, dass KI dazu beiträgt, ihre Kosten zu senken und keine externen Personaldienstleister mehr für das Recruiting beauftragen zu müssen.
Aber mit Annehmlichkeiten wie kürzeren Arbeitswochen rechnet Tillo nicht. „Höchstwahrscheinlich wird die Arbeitszeit eher umverteilt als reduziert“, prognostiziert sie. Infolgedessen sind zwei sehr unterschiedliche Szenarien denkbar, sagt sie: Entweder folgt das Recruiting einem strategischeren Ansatz mit weniger Arbeitsüberlastung – oder die Erwartung an die Produktivität steigt zunehmend. „Es besteht die Gefahr, dass die Mitarbeitenden unter größerem Druck stehen, schneller höhere Leistungen liefern zu müssen“, sagt sie. Dies könnte mehr Stress und Sorgen verursachen und zu mehr Burn-out führen.“
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