Wirtschaft: Wie wahrscheinlich ist eine Rezession?

By Indeed Editorial Team

Wichtige Erkenntnisse 

  • Die angedrohten Zölle sorgen weltweit für Unsicherheit und erschweren es Regierungen und Unternehmen, weitreichende Entscheidungen zu treffen. 
  • Der anhaltende Krieg in der Ukraine veranlasst einige europäische Länder, in die Verteidigung zu investieren, was einerseits die Innovation vorantreiben, andererseits Ressourcen aus dem Sozialbereich und aus anderen Wirtschaftssektoren abziehen könnte. 
  • In einigen Märkten gibt es Hoffnungsschimmer – etwa zusätzliche Investitionen in Innovation und Infrastruktur. 

Weltweit schüren wirtschaftliche und geopolitische Unsicherheiten die Angst vor einer Rezession – einem längeren Zeitraum stark reduzierter Wirtschaftsaktivität mit rückläufiger Produktion und Beschäftigung. Die Aussichten variieren jedoch von Land zu Land erheblich, abhängig von Faktoren wie der Nähe zu Konfliktzonen und den möglichen Auswirkungen von Zöllen. 

Hier beschreiben sieben Ökonom*innen vom Indeed Hiring Lab aus wichtigen globalen Arbeitsmärkten die Einflussfaktoren für ihre Volkswirtschaften, bewerten die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in diesem Jahr und sehen sogar einige Hoffnungsschimmer. 

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USA: Es gibt immer noch Potenzial für eine weiche Landung, aber das hängt von der Politik ab

Cory Stahle, Indeed Hiring Lab Economist mit Schwerpunkt auf dem Arbeitsmarkt in den USA

„Zu Beginn dieses Jahres sah es so aus, als würde die US-Wirtschaft eine weiche Landung hinlegen, aber die Lage ist mittlerweile turbulenter geworden.“ Politische Veränderungen – darunter die Zollpolitik, die Beschränkung der Zuwanderung und der Abbau bei der Beamtenschaft auf Bundesebene – führen zu Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft im Allgemeinen. Dies wird sich wahrscheinlich in unterschiedlichem Ausmaß auf alle Branchen auswirken. 

Den Unternehmen fehlt dadurch weitgehend die nötige Planungssicherheit für ihre Geschäftstätigkeit. 

Die Gesundheitsbranche zum Beispiel hat jüngst ein starkes Wachstum verzeichnet, aber die Beschränkung der Zuwanderung könnte ihren Arbeitskräftepool verringern. 

Wenn Zölle die Kosten für Rohstoffe in der Fertigungsindustrie in die Höhe treiben, könnte sich dies auf die Arbeitsplätze in diesem Sektor auswirken.

Hochschulen und Universitäten verlieren zurzeit Bundeszuschüsse oder laufen Gefahr, sie zu verlieren, was für die Beschäftigung im Bereich Bildung und wissenschaftliche Forschung nichts Gutes verheißt. In einer aktuellen Umfrage von The Harris Poll für Indeed geben 52 % der Befragten in den USA an, dass sich ihr Unternehmen für eine Rezession wappne, und 46 % sagen, dass sie sich Sorgen über drohende Entlassungswellen im kommenden Jahr machen. 

Von Januar bis Februar verzeichneten wir einen Anstieg um 50 Prozentpunkte bei der Zahl der Indeed Bewerbungen von Bundesbeamt*innen, die bei Behörden tätig waren, die vom Department of Government Efficiency (DOGE) überprüft wurden. Auch bei anderen Bundesbeamt*innen haben wir – unabhängig davon, ob sie von DOGE überprüft werden – einen wenn auch weniger stark ausgeprägten Anstieg verbucht. 

Eine der zentralen Fragen mit Blick auf eine mögliche Rezession ist, was die US-Notenbank tun wird. Im Falle einer Rezession muss sie sich womöglich entscheiden, ob sie eher die Inflation eindämmen oder die Beschäftigung fördern will. Die große Sorge ist, dass es zu einer Stagflation kommen könnte – einer Situation, in der die Arbeitslosigkeit steigt und die Lebenshaltungskosten durch Inflation in die Höhe schießen. Aber noch ist es nicht so weit. Noch zehrt der Arbeitsmarkt von den verbleibenden positiven Faktoren, und es besteht Potenzial für eine weiche Landung – auch wenn dieses zusehends schwindet. Ich bin daher weiterhin verhhalten optimistisch gestimmt. 

„Zu Beginn dieses Jahres sah es so aus, als würde die US-Wirtschaft eine ‚weiche Landung‘ hinlegen, aber die Lage ist mittlerweile turbulenter geworden.“

Cory Stahle, Indeed Hiring Lab Economist

Kanada: Hohe Zölle würden zu einer Rezession führen 

Brendon Bernard, Indeed Hiring Lab Senior Economist mit Schwerpunkt auf dem Arbeitsmarkt in Kanada

Im bisherigen Verlauf des Jahres 2025 waren die kanadische Wirtschaft und der kanadische Arbeitsmarkt aufgrund der Zollunsicherheit in einer Art Schockstarre. 

Die Bank of Canada hat in ihrem jüngsten geldpolitischen Bericht keine Prognose abgegeben. Stattdessen stellte sie zwei Szenarien vor. Eines geht davon aus, dass die Zollunsicherheit nachlässt, wobei sich das Wachstum vorübergehend verlangsamen könnte, ohne dass es aber zu einer schweren Rezession kommt. 

Das andere Szenario basiert auf der Annahme, dass die amerikanische und die kanadische Regierung die angedrohten Zölle umsetzen. Gemäß diesem Szenario wird Kanada Mitte dieses Jahres in eine erhebliche Rezession stürzen, die sich negativ auf Exporteure, Importeure und die kanadischen Verbraucher*innen auswirken wird – und damit auch auf den kanadischen Arbeitsmarkt. 

Die am stärksten gefährdeten Sektoren sind Fertigung und Rohstoffe, und die Arbeitskräfte in diesen Branchen bekämen dies unmittelbar zu spüren. Im Moment heißt es aber erst einmal abwarten – die Anzahl der Stellenanzeigen auf Indeed ist dementsprechend relativ stabil geblieben. 

Darüber hinaus bewegen die gegenwärtigen Unwägbarkeiten die politischen Entscheidungsträger*innen dazu, die Schwächen unserer inländischen Wirtschaftspolitik anzugehen, z. B. die komplizierten Vorschriften, die den Handel zwischen den kanadischen Provinzen bremsen und die Wirtschaft schon seit Langem belasten. 

Japan: Ein Abschwung, aber keine Rezession 

Yusuke Aoki, Indeed Hiring Lab Economist mit Schwerpunkt auf dem Arbeitsmarkt in Japan

Japan rechnet nicht mit einer Rezession, wohl aber mit einem Abschwung: Der Internationale Währungsfonds hat seine Prognose für das BIP-Wachstum von 1,1 % auf 0,6 % nach unten korrigiert. Dies ist zum Teil auf die drohenden Zölle zurückzuführen, die die Fertigungsindustrie schwer belasten. Der „Purchasing Managers Index“, der die Stimmung in der Fertigungsindustrie misst, sank im April auf 48,8 %. Alles unter 50 % signalisiert eine Kontraktion in der Branche. 

Positiv zu vermerken ist, dass Japan weniger abhängig vom Export geworden ist und die Ausfuhrquote weiter sinkt. 

Zugleich wird ein starkes Lohnwachstum verzeichnet. In Japan handeln Unternehmen in der Regel im Frühjahr die Löhne aus. In diesem Jahr haben viele die Verhandlungen bereits abgeschlossen und sich auf eine Erhöhung von rund 5,4 % geeinigt – ein Allzeithoch. 

Einige Unternehmen haben jedoch noch keine jährlichen Lohnverhandlungen geführt. Die wachsende Unsicherheit könnte sie davon abhalten, die Löhne zu erhöhen, was zu Unzufriedenheit bei den Mitarbeiter*innen führen könnte. Diese Arbeitgeber sollten andere Möglichkeiten in Betracht ziehen, um Arbeitnehmer*innen zu halten, wie z. B. eine Verbesserung der Zusatzleistungen.

Großbritannien: Die heimische Wirtschaft hat sich trotz zunehmendem Gegenwind als widerstandsfähig erwiesen

Jack Kennedy, Indeed Hiring Lab Senior Economist mit Schwerpunkt auf dem Arbeitsmarkt in Großbritannien und Irland

Wir gehen derzeit davon aus, dass eine Rezession in Großbritannien vermieden wird, obwohl sich die Wachstumsaussichten verschlechtert haben. Unsere Volkswirtschaft ist nicht so abhängig von den Exporten der Fertigungsindustrie wie einige andere, auch wenn manche Sektoren, etwa die Pharma- und Autoindustrie, stärker von US-Zöllen betroffen sind und ein schwächeres globales Umfeld das Wachstum insgesamt bremsen wird. 

Trotz wirtschaftspolitischen Gegenwinds, wie z. B. einer deutlichen Erhöhung der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitgeber-Sozialversicherungsbeiträge, waren die Wirtschaftsdaten für das 1. Quartal besser als erwartet. Die Binnenkonjunktur gewann etwas an Schwung. Dies könnte dem Arbeitsmarkt möglicherweise helfen, einen Teil der durch die weltwirtschaftliche Ungewissheit bedingten Turbulenzen abzufangen. 

Der Konjunkturoptimismus ging im April nach dem Trubel um die Zölle zurück, aber die Zahl der Entlassungen blieb in den letzten Monaten eher gering. Die Arbeitgeber sind im Moment nicht allzu optimistisch, was die Aufstockung ihres Personalbestands angeht, aber sie scheinen auch keine weitreichenden Kürzungen vornehmen zu wollen. 

Dennoch gibt es viele unbekannte Größen, und eine davon ist das Lohnwachstum: Das jährliche Lohnwachstum in Großbritannien ist mit fast 6 % nach wie vor hoch – doppelt so hoch wie in den USA und Europa. Das ist zwar gut für die Arbeitnehmer*innen, wird aber zweifellos von den politischen Entscheidungsträger*innen der Bank of England als Zeichen für Inflationsdruck im Blick behalten. Das Lohnwachstum lässt allmählich nach. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, könnte es für die Notenbank einfacher werden, die Zinssätze schneller zu senken, falls die Wirtschaft im weiteren Jahresverlauf zusätzliche Unterstützung benötigen sollte. 

Deutschland: Die Rezession dürfte sich fortsetzen, doch die Investitionen in die Infrastruktur geben Grund zur Hoffnung

Virginia Sondergeld, Indeed Hiring Lab Economist mit Schwerpunkt auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland

Deutschland befindet sich seit mehreren Jahren in einer Rezession, die auf Faktoren wie den Krieg in der Ukraine, steigende Energiepreise und anhaltende Lieferkettenprobleme aus der Coronazeit zurückzuführen ist. 

Auch strukturelle Faktoren bremsen die Konjunktur: Die Bundesregierung investiert seit vielen Jahren nicht mehr substanziell in die Infrastruktur. 

Anfang des Jahres prognostizierten die Regierung und Wirtschaftsforschungsinstitute ein minimales Wachstum zwischen 0,0 % und 0,3 %. Sollten die US-Zölle in Kraft treten, wird das Wachstum wahrscheinlich um bis zu 0,3 Prozentpunkte sinken, und uns stünde möglicherweise ein weiteres Jahr der Rezession bevor. Die Zölle werden Branchen wie die Automobilindustrie und Industriemaschinen besonders hart treffen. Die deutsche Regierung wird daher keine Mühen scheuen, um einen Deal mit den USA zu erzielen. 

Die gute Nachricht ist, dass bei der nationalen Wirtschaftspolitik bereits Änderungen zu sehen sind. Im März bewilligte der neu gewählte Bundestag 500 Milliarden Euro für Infrastrukturinvestitionen wie Brücken und Eisenbahnen. Die Aktienkurse von Bau- und Rüstungsunternehmen sind bereits gestiegen. Die neue Regierung treibt außerdem neue politische Maßnahmen voran, um die Wirtschaft anzukurbeln, wie z. B. die Aufhebung der Unternehmenssteuern auf Investitionen oder die Möglichkeit für Rentner*innen, bis zu 2.000 Euro pro Monat steuerfrei dazuzuverdienen, um so viele Menschen wie möglich in der Erwerbsbevölkerung zu halten.

„Deutschland befindet sich seit einigen Jahren in einer Rezession. Die gute Nachricht ist, dass bei der nationalen Wirtschaftspolitik bereits Änderungen zu sehen sind.“

Virginia Sondergeld, Indeed Hiring Lab Economist

Frankreich: Keine Rezessionsprognosen, aber Sorge im Hinblick auf die Ukraine

Alexandre Judes, Indeed Hiring Lab Economist mit Schwerpunkt auf dem Arbeitsmarkt in Frankreich

In Frankreich sind wir vorsichtig, prognostizieren aber noch keine Rezession. Frankreich ist nicht stark von Exporten abhängig. Daher hätten potenzielle US-Zölle wahrscheinlich nur begrenzte, sektorspezifische Auswirkungen, vor allem auf die Luft- und Raumfahrt, Luxusgüter und die Landwirtschaft. 

Die größten Sorgen für die französische Wirtschaft sind die politische Ungewissheit und die europäische Geopolitik. Es herrscht große Unsicherheit darüber, ob sich der Krieg in der Ukraine auf Gebiete wie das Baltikum oder Moldau ausweiten wird. 

Obwohl die französische Regierung die Militärausgaben schon seit 2014 erhöht, wird die derzeitige Regierung aufgrund des geopolitischen Risikos wahrscheinlich weitere Investitionen in die Rüstungsindustrie tätigen. Dafür müssen andere Geldquellen erschlossen werden, und hier kommen politische Sachzwänge und Unwägbarkeiten ins Spiel. Die Steuern sind bereits hoch, und eine Kürzung der Sozialleistungen ist sehr unpopulär. Der daraus resultierende Stillstand belastet das Vertrauen der Unternehmen, was sich wiederum auf die Recruiting-Investitionen auswirkt. 

Australien: Ein nach wie vor starker Arbeitsmarkt – aber auch Anzeichen für bevorstehende Probleme

Callam Pickering, Indeed Hiring Lab Economist mit Schwerpunkt auf dem Arbeitsmarkt in Australien

Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession ist in Australien geringer als in anderen Märkten. Der Arbeitsmarkt ist im historischen Vergleich weiterhin sehr stark: Die Arbeitslosenquote liegt bei nur 4,1 %, und die Anzahl der Stellenanzeigen auf Indeed liegt 45 % über dem Niveau vor der Pandemie. 

Dennoch gibt es einige besorgniserregende Signale. Im vergangenen Jahr ist die australische Wirtschaft um 1,3 % gewachsen. Das klingt zunächst gut – allerdings lag das Bevölkerungswachstum zugleich bei 1,8 %. Pro Kopf ist die australische Wirtschaft in den letzten zweieinhalb Jahren geschrumpft. 

Die Zölle werden zwar wahrscheinlich keine signifikanten unmittelbaren Auswirkungen auf Australien haben, aber Australiens größten Handelspartner, China, treffen. Einer der Gründe für den anhaltenden wirtschaftlichen Erfolg Australiens ist seine Nähe zu China und seine Fähigkeit, die Ressourcen bereitzustellen, die China für seine wirtschaftliche Expansion benötigt, insbesondere Eisenerz und Kohle. 

Auch wenn der Bergbausektor mit nur 2,2 % der australischen Beschäftigten kein wichtiger Arbeitgeber ist, handelt es sich doch um eine äußerst lukrative Branche. Rund 11,5 % des Unternehmenseinkommens und 41 % der Betriebserträge stammten im vergangenen Jahr aus dem Bergbausektor. Wenn sich die Nachfrage nach Ressourcen verlangsamt, wird Australien effektiv ärmer, und das wird sich auf Arbeitsplätze in anderen Sektoren auswirken.

Was schließen wir aus alledem?

Für die meisten Volkswirtschaften heißt es abwarten, bis sich die Auswirkungen von Zöllen, Konflikten und politischen Veränderungen abzeichnen. Eine allgemeine Rezession ist jedenfalls keine ausgemachte Sache, und in den Ländern, die sich auf die Stärkung der eigenen Wirtschaftspolitik konzentrieren, sind auch Lichtblicke zu erkennen.

Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen stellen keine Prognosen, Vorhersagen oder andere Hinweise auf die zukünftige Markt- oder Wirtschaftsleistung dar und sollten nicht als Grundlage für solche Zwecke herangezogen werden.

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