Ökonomie: Die weltweiten Trends auf den Arbeitsmärkten

By Indeed Editorial Team

Sie fragen sich, wie Sie in den nächsten Monaten mit der Situation auf dem Arbeitsmarkt umgehen sollten? Rechnen Sie weltweit mit einem knappen Angebot an Arbeitskräften. Demografische Trends wie eine alternde Bevölkerung, niedrige Geburtenraten und beschränkte Zuwanderung führen zu einem Arbeitskräftemangel, der Arbeitgeber auf der ganzen Welt betrifft. 

Darüber hinaus sorgen regionale Faktoren in den unterschiedlichen Ländern für zusätzliche Herausforderungen bei der Suche nach Mitarbeiter*innen. Dabei ist das Wissen um die Unterschiede auf den Arbeitsmärkten und der Umgang damit entscheidend für die Entwicklung der richtigen Recruitingstrategien für das bevorstehende Jahr. 

Das Indeed Hiring Lab untersucht als wirtschaftswissenschaftlicher Bereich bei Indeed die Trends auf den Arbeitsmärkten weltweit. Dazu werden Millionen von Daten der Indeed-Website analysiert, unter anderem Stellenanzeigen, Lebensläufe und das Nutzerverhalten. Wirtschaftswissenschaftler*innen des Hiring Lab in den wichtigsten Stellenmärkten weltweit veröffentlichen ihre Analysen und Berichte über die Situation der Arbeitsmärkte, unter anderem mit Trends zu Recruiting und Gehältern, gefragten Kenntnissen und beliebten Arbeitgeberleistungen. 

Wir haben sechs Wirtschaftswissenschaftler*innen des Hiring Lab gebeten, über die Situation in ihren Regionen und die Auswirkungen auf Arbeitgeber zu berichten. 

Annina Hering, Deutschland

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Deutschland: Frauen werden als wertvolles und ungenutztes Potenzial gesehen

Annina Hering ist Wirtschaftswissenschaftlerin im Indeed Hiring Lab mit dem Schwerpunkt auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Zuvor war sie Postdoktorandin und Forscherin am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. 

Die Situation: In Deutschland ist die Nachfrage nach Arbeitskräften sehr hoch, und ein Teil des Problems ist definitiv, dass die Zuwanderung zu gering ist. Es gibt in Deutschland zahlreiche Beschränkungen für Zuwanderung, und die Sprachbarriere ist ebenfalls eine große Herausforderung. Daher ist das Land weniger attraktiv als andere. Arbeitgeber müssen auf der Suche nach neuen Mitarbeiter*innen sehr kreativ sein. Eine zu wenig genutzte Ressource sind Frauen: Der Anteil weiblicher Arbeitskräfte in Deutschland ist zwar gewachsen, liegt aber noch immer weit unter dem der Männer. In den allermeisten Fällen arbeiten Frauen in Deutschland nur in Teilzeit, viele davon im Einzelhandel. Der Hauptgrund dafür ist das Fehlen hochwertiger Einrichtungen für die Kinderbetreuung. Daher ist es für Mütter schwierig, wieder in den Beruf einzusteigen. Außerdem sind die Aufstiegschancen für Frauen aufgrund der Teilzeitbeschäftigung eher gering. 

Die Empfehlung: Arbeitgeber sollten mehr Teilzeitstellen, flexiblere Arbeitszeiten oder die Möglichkeit zur Arbeit im Homeoffice anbieten, um für mehr Frauen interessant zu sein. Einige Unternehmen bieten darüber hinaus Leistungen wie Zuzahlungen zur Kinderbetreuung, kostenlose Fahrräder für die Fahrt zur Arbeit und Rabatte auf Produkte an.

Jack Kennedy, Vereinigtes Königreich

Vereinigtes Königreich: Inklusives Recruiting ist entscheidend

Jack Kennedy ist Wirtschaftswissenschaftler im Indeed Hiring Lab und beschäftigt sich mit dem Arbeitsmarkt im Vereinigten Königreich und in Irland. Er kommt aus der Finanzdienstleisterbranche und hat dort in den Bereichen makroökonomische Analysen und Arbeitsmarktentwicklungen gearbeitet. 

Die Situation: Einer der wesentlichen Faktoren des Arbeitskräftemangels in Großbritannien ist das Ausscheiden älterer Arbeitnehmer*innen. Dabei spielt sicher die Frühverrentung zum Teil aufgrund der Pandemie eine Rolle, aber es liegt auch an den Rentenreformen, die ein früheres Ausscheiden aus dem Berufsleben erleichtern. Gleichzeitig steht das nationale Gesundheitssystem NHS mit seinen rekordverdächtigen Wartelisten für Operationen und andere Behandlungen unter hohem Druck. In zahlreichen Fällen führt dies zur Arbeitsunfähigkeit von Menschen mit chronischen Erkrankungen. Auf diese Weise verlassen mehr Menschen den Arbeitsmarkt als wieder eingegliedert werden. Außerdem gibt es auch Auswirkungen durch den Brexit, der die Freizügigkeit von Arbeitskräften beendet hat. Das hat besonders den Niedriglohnsektor getroffen, der nach der Pandemie das größte Wachstum an offenen Stellen zu verzeichnen hatte. 

Die Empfehlung: Besonders wichtig ist in dieser Situation eine inklusive und vielfältige Recruitingstrategie. Arbeitgeber müssen in viel größerem Umfang ihre Unternehmenskultur hinterfragen und vorurteilsfreie Recruitingprozesse schaffen, um unter anderem in Stellenbeschreibungen altersdiskriminierende Formulierungen zu vermeiden.

Nick Bunker, USA

USA: Der Arbeitsmarkt bleibt weiterhin robust 

Nick Bunker ist leitender Wirtschaftswissenschaftler für Nordamerika im Indeed Hiring Lab und konzentriert sich auf den US-Arbeitsmarkt. 

Die Situation: Derzeit gibt es trotz einer weiterhin niedrigen Arbeitslosenquote bei einem gleichzeitig soliden Stellenwachstum überall Warnungen vor einem wirtschaftlichen Abschwung. Gemäß den neuesten Daten kühlt sich der Markt ab, da weniger Stellenanzeigen geschaltet werden und sich die Lohnzuwächse verlangsamen. Die Entlassungswellen in der Technologie- und in der Medienbranche deuten auf schwierigere Zeiten in diesen Branchen hin. Im Vergleich zu der Phase direkt nach der Pandemie geht außerdem der Prozentsatz an Stellenanzeigen zurück, bei denen Jobsuchenden Leistungen wie Krankenversicherung und Pläne zur Altersvorsorge geboten werden.

Die Empfehlung: Bei dem sich abkühlenden Markt müssen wir berücksichtigen, dass er nach dem Ende der Pandemie ungewöhnlich aufgeheizt war. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Markt derzeit recht stabil. Im historischen Vergleich ist das Lohnwachstum hoch und die Nachfrage nach Arbeitnehmer*innen weiterhin ebenfalls erhöht. Und obwohl es in einigen Branchen sehr viele Entlassungen gegeben hat, ist die Anzahl der Entlassungen insgesamt niedrig und liegt monatlich rund 16 % unter dem Durchschnitt von vor der Pandemie. Anstatt Angst vor diesen Veränderungen zu haben, sollten Arbeitgeber die Entwicklung als sanften Übergang zu normalen Verhältnissen auf dem Arbeitsmarkt betrachten, der derzeit weitgehend einen nachhaltigen und gesunden Eindruck macht.

Alexandre Judes, Frankreich

Frankreich: Smarte Recruiter*innen konzentrieren sich mehr auf Fähigkeiten als auf Schulabschlüsse

Alexandre Judes ist Wirtschaftswissenschaftler im Indeed Hiring Lab mit dem Schwerpunkt auf Frankreich. Er hat Erfahrung mit politischen Fragen der Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs, Arbeitsmarktreformen und der europäischen Integration. 

Die Situation: Aktuell beträgt die Arbeitslosenquote in Frankreich 7,2 %. Sie ist damit erheblich höher als in den USA, im Vereinigten Königreich und in Deutschland. Gleichzeitig ist der Arbeitsmarkt hier sehr eingeschränkt. Aufgrund der hohen Arbeitskosten und strengen Arbeitsschutzgesetze können Fehler im Recruiting sehr kostspielig sein. Etwa 90 % der Festangestellten haben einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Nach einer Probezeit zwischen zwei und acht Monaten ist es schwierig, diese Mitarbeiter*innen ohne eine sehr gute Begründung wieder zu entlassen. Außerdem ist die Arbeitslosenunterstützung sehr hoch: Sie liegt für die Dauer von 18 bis 27 Monaten bei mehr als der Hälfte des letzten Bruttolohns. Daher sind französische Recruiter*innen sehr konservativ und berücksichtigen eher die Abschlussnoten und die Universitäten der Kandidat*innen. Dadurch ist es aber auch für Jobsuchende schwierig, in eine andere Branche zu wechseln. Der angespannte Arbeitsmarkt zwingt Recruiter*innen jedoch, ihre Suchkriterien über ihre bislang üblichen Faktoren zur Einstellung von Arbeitnehmer*innen hinaus zu erweitern. 

Die Empfehlung: Die wichtigste Empfehlung für Arbeitgeber ist es, Bewerber*innen am Arbeitsplatz zu testen. Nutzen Sie bei Bedarf die Probezeit und zögern Sie nicht, Kandidat*innen aus ganz anderen Branchen zu berücksichtigen oder solche, die bisher Schwierigkeiten hatten, einen Job zu finden. In den allermeisten Fällen sind diese als Mitarbeiter*innen später ebenso erfolgreich wie andere.

Brendan Bernard, Kanada

Kanada: Wettbewerbsfähige Löhne sind der Schlüssel

Brendon Bernard ist Wirtschaftswissenschaftler im Indeed Hiring Lab mit Schwerpunkt auf dem kanadischen Arbeitsmarkt. Er analysiert unter anderem, wie Trends auf dem Arbeitsmarkt in gesamtwirtschaftliche kanadische Entwicklungen einzuordnen sind. 

Die Situation: In Kanada gab es 2021 einen Recruiting-Boom, wobei die Stellenangebote in allen Regionen und Branchen gleichermaßen und erheblich anstiegen. Aufgrund dieser Entwicklung bewegten sich kanadische Arbeitnehmer*innen weg vom Niedriglohnsektor und hin zu besser bezahlten Tätigkeiten. Das gilt besonders für diejenigen, die bereits vor der Pandemie unterbeschäftigt oder in ihrem Job unterfordert waren. Aber anders als in den USA gab es keine Welle von Kündigungen und Branchenwechseln im Rahmen der „Großen Resignation“. In Kanada stiegen auch die Löhne nicht so rasant. Aktuell dagegen erhöhen sich die Löhne und Gehälter mit einer soliden Rate – in den letzten sechs Monaten um etwa 5 % im Vorjahresvergleich. Daher ist das angebotene Lohnniveau sicher eines der wichtigsten Kriterien, um neue Talente auf sich aufmerksam zu machen. 

Die Empfehlung: Neben einer guten Bezahlung sind für Jobsuchende auch Ausbildung und Aufstiegschancen wesentliche Faktoren. Darüber hinaus sollten Arbeitgeber auch darüber nachdenken, in die Aus- und Weiterbildung zu investieren und ihre Suche auf weniger erfahrene Kandidat*innen ausdehnen als zuvor. 

Yusuke Aoki, Japan

Japan: Höhere Löhne und Leistungen machen den Unterschied

Yusuke Aoki ist Wirtschaftswissenschaftler im Indeed Hiring Lab mit Schwerpunkt auf dem japanischen Arbeitsmarkt. Er hat bereits die japanische Regierung, rechtsprechende Organe und Privatkunden in Wirtschaftsfragen beraten.

Die Situation: In Japan sind die Recruitingtrends anders als in den USA und Europa. In den Bereichen Personal, Marketing und in den Rechtsabteilungen sind die Einstellungszahlen eher rückläufig, während der Arbeitsmarkt in den Bereichen Maschinenbau und Softwareentwicklung sehr angespannt ist. In der Technologiebranche gibt es keinen Einstellungsstopp oder gar Entlassungen, was teilweise an der Struktur der Arbeitskräfte liegt. Obwohl nahezu alle Arbeitnehmer*innen in Japan Vollzeit arbeiten, werden mehr Arbeitskräfte über Outsourcing und Freiberuflichkeit beschäftigt als in anderen Ländern. Das gilt besonders für den Bereich Softwareentwicklung. In allen Branchen sind hier Entlassungen eher unüblich, denn die japanische Arbeitskultur baut auf sehr langfristige oder sogar lebenslange Beschäftigung. Das setzt jedoch dem Lohnwachstum Grenzen, denn den Unternehmen ist es wichtiger, niemanden zu entlassen und Mitarbeiter*innen zu halten, als besser zu bezahlen. Daher ist das Lohnniveau derzeit das Topthema in Japan. Aufgrund einer nominalen Lohnsteigerung von etwa 1,1 % bei einer Inflation von rund 3,3 % hat die japanische Regierung eingegriffen und Unternehmen aufgefordert, die Löhne anzuheben. Einige große Konzerne können das Lohnniveau in diesem Jahr über die Inflationsrate anheben, die kleinen und mittelgroßen Unternehmen haben dabei jedoch Schwierigkeiten, da sie die Zusatzkosten nicht an ihre Kunden weitergeben können.

Die Empfehlung: Wenn Arbeitgeber nicht in der Lage sind, höhere Löhne zu zahlen, sollten sie ihren Fokus auf ein besseres Arbeitsumfeld legen. So zeigen zum Beispiel unsere Daten, dass Arbeitgeber häufiger Elternzeit in ihren Stellenanzeigen anbieten. Andere Leistungen wie eine Bonuszahlung bei Einstellung oder das Versprechen, keine Überstunden leisten zu müssen, machen eine Stelle ebenfalls attraktiver.

Die wichtigste Empfehlung: Global denken und lokal handeln

Diese Erfahrungswerte aus aller Welt lassen keinen Zweifel daran, dass Arbeitgeber ihre Recruitingstrategien permanent weiterentwickeln müssen, um in einem stets angespannten Arbeitsmarkt bestehen zu können. Dabei sind sich alle Wirtschaftswissenschaftler*innen einig: Wissen ist Macht. Nur wer die Faktoren hinter den Recruitingherausforderungen im eigenen Land und anderswo versteht, kann zu den wertvollen Erkenntnissen gelangen, wie sich Kandidat*innen trotz aller möglichen Schwierigkeiten für ein Unternehmen begeistern lassen.

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