Work-Life-Blending: Zukunftsmodell oder Risiko?

By Indeed Editorial Team

In der Ära von Remote-Work und flexiblen Arbeitszeitmodellen scheint das Erreichen einer ausgeglichenen Work-Life-Balance geradezu utopisch. Privat- und Berufsleben sind in vielerlei Hinsicht so eng miteinander verwoben, dass eine traditionelle Trennung der beiden Lebensbereiche gar nicht mehr möglich ist. Auf dem Weg zum Kundentermin schnell den Wochenendeinkauf erledigen, im Urlaub an einem virtuellen Meeting teilnehmen, abends auf dem Sofa gemütlich ein paar geschäftliche E-Mails beantworten – Wo hört die Arbeit auf? Wo beginnt die Freizeit? Wenn sich die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem vermischen, wird dies häufig als Work-Life-Blending bezeichnet. Doch wie ist das Konzept aus Unternehmenssicht zu bewerten? Überwiegen die Vorteile oder die Risiken? Und worauf kommt es bei einer erfolgreichen Umsetzung von Work-Life-Blending an?

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Work-Life-Balance vs. Work-Life-Blending: Status quo

Das englische Verb to blend bedeutet übersetzt vermengen oder vermischen. Und genau um diese Verschmelzung von Job und Freizeit geht es bei der Definition von Work-Life-Blending. Work-Life-Balance dagegen sieht eine strikte Trennung der beiden Realitäten vor.

Noch im Jahr 2015 bewertete die Mehrheit der Deutschen den Trend in Richtung Work-Life-Blending kritisch. In einer repräsentativen Umfrage der Rundstedt-Unternehmensberatung sprachen sich fast zwei Drittel der Erwerbstätigen für klare Grenzen zwischen Beruf und Privatleben aus. Ohne diese eindeutige Unterteilung befürchteten 69 Prozent eine Überhandnahme der Arbeit zulasten ihrer Freizeit. Bei mehr als vier von zehn Befragten führte Work-Life-Blending schon damals zu Mehrarbeit. Rund jeder zehnte Beschäftigte leistete mehr als 15 Überstunden pro Woche. Nichtsdestotrotz sahen 40 Prozent der Arbeitnehmenden auch Vorteile im Work-Life-Blending, wie zum Beispiel eine flexible Zeiteinteilung und die bessere Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie.

Seither hat sich die Arbeitswelt stark verändert. Infolge der Corona-Pandemie gewann die Remote-Arbeit massiv an Bedeutung und immer mehr Erwerbstätige lernten die neugewonnene Flexibilität bei der Arbeitsgestaltung zu schätzen. In einer weiteren Rundstedt-Umfrage aus dem Jahr 2021 äußerten fast 60 Prozent der Teilnehmer*innen den Wunsch, dass individuelle Modelle wie Gleitzeit und Homeoffice auch in Zukunft bestehen bleiben.

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Vorteile von Work-Life-Blending

Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden mehr bieten als klassische Nine-to-five-Jobs können davon auf vielfältige Weise profitieren und ihren Ruf als attraktive Arbeitgeber verbessern. Zahlreiche Untersuchungen, wie beispielsweise die IZA-Studie zur Arbeitszufriedenheit in der modernen Arbeitswelt, bestätigen, dass flexiblere Arbeitsformen tendenziell mit einer höheren Mitarbeiterzufriedenheit einhergehen. Schließlich können die Beschäftigten im Beispiel von Work-Life-Blending ihren Arbeitstag weitgehend selbstbestimmt und eigenverantwortlich gestalten. Sie müssen keine Urlaubstage opfern, um kurzfristig private Angelegenheiten zu regeln. Und auch das schlechte Gewissen, falls die Arbeitszeit für persönliche Erledigungen unterbrochen wird, gehört dank Work-Life-Blending der Vergangenheit an. Die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit kann zu einer Förderung der Mitarbeitermoral beitragen, Fehlzeiten reduzieren und das Recruiting neuer Fachkräfte durch ein verbessertes Employer Branding erleichtern.

Wenn Mitarbeitende ihren Arbeitstag nach ihrem individuellen Biorhythmus ausrichten und persönliche Leistungshochs optimal nutzen, erhöht sich in der Regel die Produktivität im gesamten Unternehmen. Termine können auch außerhalb der üblichen Geschäftszeiten wahrgenommen und damit insgesamt mehr Aufträge erledigt werden. Außerdem lassen sich saisonale Nachfrageschwankungen durch flexible Arbeitszeitgestaltung besser ausgleichen. Dazu gesellen sich Einsparpotenziale durch Job- oder Desksharing sowie das Outsourcing bestimmter Tätigkeiten.

Risiken von Work-Life-Blending

Als einer der größten Kritiker von Work-Life-Blending bezeichnet der Wirtschaftswissenschaftler Christian Scholz das Konzept als Mogelpackung. Er wirft Arbeitgebern vor, ihre Absichten zur Gewinnmaximierung unter dem schön klingenden Deckmantel von Digitalisierung, Flexibilisierung und Mobilität zu verbergen. Work-Life-Blending sei nichts anderes als ein Leben für die Arbeit.

Und tatsächlich stellt die unkontrollierte Ausweitung der Arbeitszeit zulasten der Mitarbeitenden eine der größten Gefahren von Work-Life-Blending dar. Besonders hoch ist die Tendenz zu Überstunden im Homeoffice, wo sich Beruf und Freizeit auf engstem Raum begegnen. Laut DGB-Index Gute Arbeit arbeiten fast 30 Prozent der Beschäftigten zu Hause regelmäßig außerhalb der vertraglich festgelegten Zeiten weiter. 39 Prozent sind im Homeoffice jederzeit für ihre Arbeitgeber verfügbar.

Die ständige Erreichbarkeit kann auf Dauer zu einer Überlastung der Beschäftigten führen. Motivation, Zufriedenheit und Mitarbeiterbindung leiden und auch das Risiko für Arbeitsausfälle nimmt zu. 2021 vermeldete die Bundespsychotherapeutenkammer einen neuen Rekordwert bei psychisch bedingten Krankschreibungen.

Darüber hinaus stellt Work-Life-Blending hohe Anforderungen an den Digitalisierungsgrad, damit orts- und zeitungebundenes Arbeiten technisch überhaupt möglich ist. Mit der Gestaltungsfreiheit der Mitarbeitenden steigt in der Regel auch der Abstimmungsbedarf im Unternehmen.

Work-Life-Blending erfolgreich umsetzen

Trotz aller Vorbehalte ist Work-Life-Blending in vielen Unternehmen bereits gelebte Realität. Je weiter die Digitalisierung unserer Arbeitswelt fortschreitet, desto fließender gestalten sich die Übergänge zwischen Berufs- und Privatleben. Mobile Endgeräte und virtuelle Kommunikationsplattformen entkoppeln die Arbeit von Zeit und Ort. Die Grenzen zwischen Job und Freizeit verschwimmen in einem Ausmaß, dass sich bestimmte Aktivitäten oft gar nicht mehr eindeutig einer der beiden Welten zuordnen lassen.

Ob Mitarbeiter*innen diesen Zustand als Belastung oder flexible Selbstbestimmung wahrnehmen, ist oft auch eine Frage der Persönlichkeit und der individuellen Lebensumstände. Unternehmen sollten also möglichst maßgeschneiderte Arbeitsmodelle für die verschiedenen Bedürfnisse ihrer Belegschaft anbieten und dabei berücksichtigen, dass sich die Einstellung zu Work-Life-Blending im Laufe eines Arbeitslebens ändern kann. Eltern beispielsweise legen oft besonders hohen Wert auf eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Auch das Alter der Mitarbeitenden kann bei der Bewertung des Konzepts eine Rolle spielen. Laut Christian Scholz besteht die Generation Z wieder mehr auf eine klare Trennung zwischen beruflicher und privater Sphäre, während die Vorgängergeneration Y einen flexiblen Übergang im Sinne von Work-Life-Blending vorzieht. Unternehmen sollten also nicht blind irgendwelche Maßnahmen einführen, sondern sich zunächst mit den Wünschen der eigenen Belegschaft auseinandersetzen.

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Maßnahmen zur Förderung von Work-Life-Blending

Stehen die Mitarbeitenden den Ideen von Work-Life-Blending grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber, können Unternehmen den nahtlosen Übergang zwischen Beruf und Privatleben auf verschiedene Arten fördern.

Anpassungen der Unternehmenskultur

Beim Work-Life-Blending opfern die Beschäftigten einen Teil ihrer Freizeit für berufliche Belange. Umgekehrt müssen Arbeitgeber akzeptieren, dass die eigentliche Arbeitszeit bis zu einem bestimmten Grad für persönliche Angelegenheiten genutzt wird. Statt Kontrollmechanismen auszuweiten, sollten Unternehmen auf Eigenverantwortung und Vertrauen setzen. Wichtig ist, dass auch Führungskräfte Work-Life-Blending ohne jedwede Schuldgefühle vorleben.

Flexible Arbeitszeitgestaltung

Mehr Freiräume für eine selbstbestimmte und flexible Einteilung der Arbeit – Das wünschen sich mehr als sieben von zehn Beschäftigten in einer internationalen Studie des ADP Research Institute. Trotz der neuen Pflicht zur Arbeitszeiterfassung sollten die Mitarbeitenden ihren Arbeitsrhythmus innerhalb der gesetzlichen Möglichkeiten weitgehend frei festlegen dürfen. Um Überforderung zu vermeiden, hilft ein klarer Rahmen, beispielsweise in Form von Kernarbeitszeiten. Dem Gefühl der ständigen Erreichbarkeit lässt sich mit expliziten Abschalt- und Ruhephasen entgegenwirken.

Freie Wahl der Arbeitsumgebung

Manche Arbeitnehmende brauchen den Kontakt zu Kolleg*innen, um ihr kreatives Potenzial voll zu entfalten, andere können sich bei der unterbrechungsfreien Arbeit im Homeoffice am besten konzentrieren. Eine Deloitte-Studie belegt, dass die Möglichkeit zur Remote-Arbeit für Büroangestellte mittlerweile eine Selbstverständlichkeit mit immensen Auswirkungen auf die Arbeitgeberattraktivität darstellt. Vom Coworking Space über Workation bis hin zu Desksharing, Unternehmen sollten ihren Beschäftigten je nach Bedarf und persönlichen Vorlieben gut ausgestattete mobile oder feste Arbeitsplätze anbieten können.

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Festigung der Mitarbeiterbindung

„Bei vermehrter Remote-Arbeit ist es besonders wichtig, auf das Zugehörigkeitsgefühl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu achten. Die DNA eines Unternehmens wird häufig erst vollumfänglich vor Ort spürbar“, warnt Christian Korunka von der Universität Wien im Rahmen der Deloitte-Studie. Um Teamspirit zu fördern und den Arbeitsalltag im Sinne von Work-Life-Blending mit dem Privatleben zu verbinden, eignen sich u. a. Ausgleichsangebote im Bereich Sport oder Wellness, eine betriebliche Kinderbetreuung oder regelmäßige Teambuilding-Events.

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Fazit: Work-Life-Blending – aber bitte mit Struktur!

Work-Life-Balance vs. Work-Life-Blending muss keine Entweder-oder-Entscheidung sein. Letztendlich geht es darum, beide Modelle sinnvoll in die Unternehmenskultur zu integrieren und nach den Bedürfnissen der Belegschaft auszugestalten. Die Entgrenzung von Beruf und Privatleben ist für Unternehmen mit vielen Vorteilen verbunden, sollte jedoch innerhalb eines festen Rahmens mit klaren Regeln zur Handhabung von Arbeits- und Freizeit stattfinden. Laut Rundstedt-Umfrage wünschen sich mehr als zwei Drittel der Erwerbstätigen in Deutschland eine Kombination der Vorzüge von alter und neuer Arbeitswelt, also den persönlichen Kontakt zu Kolleg*innen genauso wie die höhere Flexibilität der Nach-Corona-Ära. Und genau diese Verbindung können Unternehmen durch Work-Life-Blending mit den richtigen Maßnahmen herstellen.

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