Was ist ein iterativer Prozess?
Ein iterativer Prozess ist ein schrittweises Vorgehen, bei dem ein Ergebnis in wiederholten Zyklen (Iterationen) durch kontinuierliches Feedback, Testen und Anpassen schrittweise verbessert wird. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen dabei in den jeweils nächsten Zyklus ein.
Dieses Prinzip unterscheidet sich vom klassischen linearen Vorgehen, bei dem ein Schritt auf den nächsten bis zum fertigen Ergebnis folgt, beispielsweise beim Wasserfallmodell im Projektmanagement. Iterationen können in dynamischen Umfeldern eine passende Alternative zu linearen Ansätzen sein.
Woher kommt der Begriff „iterativer Prozess“?
„Iterativ“ leitet sich vom lateinischen „iterare“ für „wiederholen“ ab. Iterative Verfahren sind unter anderem aus Mathematik und Informatik bekannt. Auch in der Softwareentwicklung wurden iterative und inkrementelle Ansätze bereits vor der Entstehung moderner agiler Methoden eingesetzt.
Mit dem 2001 veröffentlichten Manifest für Agile Softwareentwicklung gewannen kurze Entwicklungszyklen, regelmäßiges Feedback und die Anpassung an Veränderungen weiter an Bedeutung und wurden weiter verbreitet.
Was ist der Unterschied zwischen iterativ und inkrementell?
Die Begriffe „iterativ“ und „inkrementell“ werden zwar oft synonym verwendet, bezeichnen aber unterschiedliche Sachverhalte. Beim iterativen Vorgehen wird ein Zwischenstand oder bestehendes Ergebnis in wiederholten Durchläufen überprüft, anhand neuer Erkenntnisse verbessert und weiterentwickelt. Beim inkrementellen Vorgehen entsteht das Gesamtergebnis schrittweise, indem nach und nach weitere funktionsfähige Bestandteile hinzukommen. In der Praxis werden beide Prinzipien häufig kombiniert.
Welche weiteren Begriffe stehen mit iterativen Prozessen in Zusammenhang?
Je nach Branche und Kontext gibt es verschiedene verwandte Begriffe. Die folgende Liste enthält einige häufig verwendete Bezeichnungen und ordnet sie kurz ein:
- Iteratives Vorgehen bzw. iteratives Arbeiten: dient als Oberbegriff für zyklische Arbeitsweisen in unterschiedlichen Branchen und Unternehmensbereichen
- Agiler Prozess bzw. agiles Arbeiten: bezeichnet Methoden, die auf iterativen und inkrementellen Prinzipien basieren, etwa Scrum oder die Kanban-Methode
- Zyklisches Vorgehen: bezeichnet allgemein einen Ablauf, der sich regelmäßig wiederholt und betont die Kreis- bzw. Wiederholungsstruktur
- Sprint-basiertes Arbeiten: bezeichnet speziell die Iterationszyklen im Rahmen der Scrum-Methode, ist aber nicht auf Softwareentwicklung beschränkt
- Kontinuierlicher Verbesserungsprozess (KVP): stammt ursprünglich aus dem Qualitätsmanagement und basiert auf ähnlichen Prinzipien wie iterative Prozesse, wie systematische, fortlaufende Verbesserung
Wo werden iterative Prozesse eingesetzt?
Iterative Prozesse folgen meistens einem ähnlichen Ablauf: Planen, umsetzen, Feedback einholen, anpassen. Daran schließt sich die nächste Iteration an. Dieses Vorgehen ist nicht nur auf die agile Softwareentwicklung beschränkt, sondern eignet sich für weitere Unternehmensbereiche:
- Personalmanagement bzw. HR-Prozesse: etwa bei Recruiting, Onboarding oder zur Entwicklung von Mitarbeiterbefragungen
- Projektmanagement und Wissensarbeit: beispielsweise im Rahmen von Scrum oder in Verbindung mit anderen agilen und kontinuierlichen Arbeitsweisen
- Change-Management: schrittweise Einführung neuer Strukturen oder Arbeitsweisen im Rahmen der Organisationsentwicklung
- Forschung und Entwicklung: wiederholtes Testen und Konkretisieren neuer Ansätze
- Produktentwicklung: vom Prototyp über das erste funktionsfähige Produkt bis hin zum ausgereiften Endprodukt
- Qualitätsmanagement: etwa im Rahmen der kontinuierlichen Verbesserung und der Optimierung von Arbeitsprozessen
Die passende Formalisierung iterativer Prozesse hängt von den Zielen, Ressourcen und Abläufen des Unternehmens ab. Viele Start-ups arbeiten beispielsweise iterativ, setzen dabei aber nicht immer auf formal strukturierte Methoden. Unternehmen, die systematisch mit iterativen Methoden arbeiten, benennen in der Regel die zuständigen Personen und dokumentieren die Prozesse und Ergebnisse.
Beispiele für iteratives Vorgehen
Wie iterative Prozesse konkret gestaltet werden, unterscheidet sich nach Branche und Anwendungsfall deutlich.
Softwareentwicklung
In der Softwareentwicklung ist das iterative Prinzip am weitesten verbreitet. Bei Scrum arbeiten Teams in sogenannten Sprints mit einer festgelegten Dauer. Am Ende eines Sprints steht ein nutzbares Produktinkrement, das überprüft wird und Erkenntnisse für die weitere Entwicklung liefern kann. Dieses Feedback fließt in die nächste Iteration ein.
Personalwesen und Recruiting
Im Personalwesen kann sich ein iteratives Vorgehen lohnen, um Recruiting-Strategien, Stellenanzeigen, Bewerbungsprozesse oder Onboarding-Programme zu optimieren. Sie können zum Beispiel bei einem sogenannten A/B-Testing von zwei Stellenausschreibungen iterativ vorgehen. Schalten Sie Anzeigen parallel und werten Sie das Ergebnis anschließend aus. Die erfolgreichere Variante können Sie in der nächsten Iteration weiter optimieren.
Produktentwicklung in der Industrie
Auch beim Prototyping oder dem MVP-Ansatz (Minimum Viable Product) können Unternehmen iterativ arbeiten. Dabei wird zunächst eine funktionale Basisversion eines Produkts entwickelt, mit echten Nutzergruppen getestet und auf Basis des Feedbacks in mehreren Iterationen weiterentwickelt, bevor die finale Version auf den Markt kommt.
Marketing und Vertrieb
Nutzen Sie iterative Zyklen, um Werbekampagnen zu optimieren. Werten Sie die Ergebnisse laufend aus und passen Sie die einzelnen Elemente der Kampagne an, etwa die Anzeigentexte, die Zielgruppe oder das Budget für die einzelnen Kanäle.
Iterative Prozesse im Unternehmen einführen: 5 Schritte
Der Einstieg in iterative Prozesse ist nicht zwangsläufig kompliziert. Die folgenden fünf Schritte können Ihnen bei der Einführung helfen:
- Mit Pilotprojekt starten: Wählen Sie ein überschaubares Projekt, um erste Erfahrungen mit iterativen Prozessen zu sammeln. Dokumentieren Sie die Ergebnisse und Erkenntnisse (Lessons Learned), um sie für zukünftige Iterationen zu nutzen.
- Kurze Zyklen festlegen: Legen Sie für jede Iteration einen Zeitraum sowie konkrete Ziele fest. So schaffen Sie einen klaren Rahmen für die Umsetzung und Bewertung.
- Feedback einplanen: Integrieren Sie Retrospektiven sowie Feedback von Nutzergruppen, Auftraggebern und Mitarbeitenden als festen Bestandteil jeder Iteration. Bewerten und priorisieren Sie das Feedback anschließend anhand der Ziele der jeweiligen Iteration, statt jede Rückmeldung automatisch umzusetzen.
- Fortschritte messen: Geben Sie für jede Iteration nachvollziehbare Key Performance Indicators (KPIs) und Kennzahlen vor. So können Sie Fortschritte und Ergebnisse nachvollziehbar bewerten.
- Konstruktiven Umgang mit Fehlern pflegen: Pflegen Sie eine Kultur des Lernens und nutzen Sie Fehler, um Ursachen zu analysieren und den nächsten Zyklus anzupassen.
Planen Sie klar abgegrenzte, fokussierte Iterationen, damit Sie auf den Ergebnissen aufbauen können. Legen Sie vorab fest, wann das Ziel erreicht ist oder wann weitere Iterationen keinen ausreichenden Mehrwert mehr bringen.
Vorteile und Herausforderungen iterativer Prozesse
Iterative Prozesse bringen je nach Vorhaben unterschiedliche Chancen und Grenzen mit sich. Bevor Sie sich für ein iteratives Vorgehen entscheiden, sollten Sie daher die Anforderungen, Rahmenbedingungen und Ziele des Projekts berücksichtigen.
Vorteile
- Teams reagieren schneller auf Veränderungen und neue Erkenntnisse.
- Fehler und Fehlentwicklungen können früher erkannt werden, wodurch sich Projektrisiken reduzieren lassen.
- Die regelmäßige Einbindung von Feedback kann die Akzeptanz bei Auftraggeber*innen, Nutzenden und Mitarbeitenden erhöhen.
- Sichtbare Fortschritte und regelmäßige Erfolgserlebnisse können sich positiv auf die Motivation auswirken.
- Iterative Prozesse können kreative Lösungen und die Innovationskraft von Unternehmen fördern.
Herausforderungen
- Kurze Abstimmungs- und Feedbackzyklen können zusätzlichen Koordinations- und Kommunikationsaufwand verursachen.
- Es besteht das Risiko langer Anpassungsschleifen, ohne schnell zum Ende zu kommen.
- Iterative Ansätze lassen sich schwieriger einsetzen, wenn Anforderungen, Abläufe und Ergebnisse weitgehend fest vorgegeben sind oder Änderungen mit hohem Prüf-, Dokumentations- oder Freigabeaufwand verbunden sind.
- Iterative Prozesse erfordern Umdenken in der Unternehmenskultur und mitunter begleitendes Change-Management.
Iterative Prozesse ermöglichen, frühzeitig aus der Praxis zu lernen und Zyklus für Zyklus das Endprodukt zu optimieren. Sie eignen sich besonders für Projekte, bei denen es auf die Bedürfnisse und das Feedback von Auftraggebern, Nutzenden und Mitarbeitenden ankommt. Unternehmen können iterative Prozesse zunächst in kleineren Pilotprojekten erproben und auf diesen Erfahrungen aufbauen, wenn sie die Methode im größeren Maßstab anwenden.