Das 4-Ohren-Modell einfach erklärt
Das 4-Ohren-Modell wird auch Kommunikationsquadrat, Nachrichtenquadrat oder 4-Seiten-Modell genannt und kommt aus der Kommunikationspsychologie. Die Grundannahme dieses Modells ist, dass jede Nachricht beziehungsweise Aussage sowohl explizite als auch implizite Botschaften hat, die sich auf vier verschiedene Arten interpretieren, also sozusagen mit vier verschiedenen Ohren hören lassen. Entwickelt wurde das Modell vom deutschen Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun Anfang der 1980er-Jahre. Er wollte damit erklären, warum bei der Kommunikation – etwa in Paarbeziehungen – oft Missverständnisse auftreten.
4-Ohren-Modell: Die vier Ebenen der Kommunikation
Das Modell basiert auf der Annahme, dass jede Nachricht auf vier unterschiedlichen Ebenen kommuniziert und verstanden wird. Diese sind:
- die Sachebene oder Sachinformation
- die Selbstkundgabe
- der Beziehungshinweis
- die Appellebene
Wie in den meisten Kommunikationsmodellen geht es hier um die Kommunikation zwischen zwei Rollen: einem „Sender“, der eine Aussage trifft, und einem „Empfänger“, der sie empfängt und schließlich interpretiert.
Die Sachinformation
Auf der Sachebene des 4-Ohren-Modells vermittelt der Sender bzw. die Senderin eine reine Sachinformation, beispielsweise Fakten oder konkrete Daten. Bestenfalls geschieht dies so präzise wie möglich. Der/die Empfänger*in prüft die Botschaft auf der Sachebene schließlich nach folgenden Kriterien:
- Wahrheit: Ist die Aussage wahr oder unwahr?
- Relevanz: Ist die Aussage wichtig oder belanglos?
- Aussagekraft: Sind die Informationen ausreichend oder brauche ich mehr?
Auf der Sachebene spielen Emotionen keine Rolle.
Die Selbstkundgabe
Die nächste Ebene ist die der Selbstkundgabe. Das 4-Ohren-Modell geht davon aus, dass der/die Sender*in mit jeder Aussage auch eine Botschaft über sich selbst, die eigenen Ansichten und Gefühle sendet. Dies kann bewusst und absichtlich über Ich-Botschaften geschehen, oder unbewusst und unfreiwillig. Der/die Empfänger*in hört diese Botschaft mit dem Selbstkundgabe-Ohr und kann diese Information schließlich nutzen, um sich eine Meinung über den/die Sender*in zu bilden.
Der Beziehungshinweis
Die dritte Ebene des 4-Ohren-Modells ist der Beziehungshinweis, also eine Botschaft, die die Art der Beziehung zwischen Sender*in und Empfänger*in vermittelt. Hier spielt die nonverbale Kommunikation eine wichtige Rolle, denn diese Botschaft steckt beispielsweise in der Körpersprache oder dem Tonfall des/der Sender*in. Auch die Formulierung der Nachricht kann einen Beziehungshinweis geben. Je nachdem, wie diese Botschaft dann interpretiert wird, fühlt der/die Empfänger*in sich geschätzt und respektiert – oder eben nicht.
Der Appell
Die vierte Ebene des 4-Ohren-Modells beschreibt den eigentlichen Zweck der Nachricht: Welche Bitte oder Aufforderung steckt dahinter? Diese kann der/die Sender*in offen kommunizieren oder implizit vermitteln. Ist der Appell implizit, kann das als Manipulation interpretiert werden. Mit dem Appell-Ohr versucht der/die Empfänger*in also, herauszufinden, was nun von ihm/ihr erwartet wird.
4-Ohren-Modell: Beispiele
Wie genau müssen Sie sich das 4-Ohren-Modell mit seinen vier Ebenen nun in der Praxis vorstellen? Im Folgenden finden Sie einige Beispiele.
„Die Ampel ist grün“
In diesem klassischen Beispiel des 4-Ohren-Modells geht es um die gestörte Kommunikation zwischen Paaren. In dieser Situation sitzt ein Paar im Auto, sie fährt und hat an einer roten Ampel gehalten. Als diese umschaltet, sagt der Mann: „Die Ampel ist grün.“ Die Frau antwortet: „Fahre ich oder fährst du?“ Warum reagiert sie so? Eventuell hat sie die Botschaften der Aussage folgendermaßen interpretiert:
- Sachinformation: Die Ampel ist grün.
- Selbstkundgabe: Weil er sofort darauf hinweist, dass die Ampel grün ist, hat er es eilig und findet, die Frau sei zu langsam.
- Beziehungsinformation: Er hält sich für den besseren Fahrer, weil er direkt gesehen hat, dass die Ampel auf Grün geschaltet hat.
- Appell: Sie soll sich beeilen und schnell losfahren.
Es bleibt unklar, ob der Mann seine Aussage über die grüne Ampel auch so gemeint hat, wie die Frau sie aufgefasst hat.
„Hast du heute etwas anders gemacht?“
Das nächste Beispiel stellt die möglichen Interpretationen gegenüber: In dieser Situation hat der Mann gekocht. Das Gericht kennt die ganze Familie, aber seine Frau fragt ihn, ob er diesmal etwas am Rezept geändert hat. Diese Aussage könnte er folgendermaßen hören beziehungsweise interpretieren:
- Sachinformation: Es schmeckt anders als sonst.
- Selbstkundgabe: Sie passt auf und merkt, wenn etwas anders ist als sonst. Mögliche Schlussfolgerungen: Ihr schmeckt, was er verändert hat. / Ihr schmeckt nicht, was er verändert hat.
- Beziehungsinformation: Das Verhältnis zwischen den beiden ist gut, entsprechend unwahrscheinlich ist es, dass sie die Frage böse gemeint hat. / Das Verhältnis der beiden ist angespannt, entsprechend hat sie die Frage wahrscheinlich kritisch gemeint.
- Appell: Mach es das nächste Mal wieder genauso. / Halte dich das nächste Mal wieder an das Originalrezept.
„Wir haben für das Projekt nur drei Monate Zeit.“
In diesem Beispiel geht es um die Kommunikation am Arbeitsplatz. Die Führungskraft brieft ein Team zu einem neuen Projekt und sagt: „Wir haben für das Projekt nur drei Monate Zeit.“ So könnte das Team diese Aussage hören:
- Sachinformation: Wir haben eine harte Deadline und nicht viel Zeit beziehungsweise keinen Puffer.
- Selbstkundgabe: Wir arbeiten hervorragend zusammen und können das schaffen, weil wir gut in der Zeit liegen. / Ihr arbeitet sonst immer langsam und ich habe großen Druck. Ihr müsst euch diesmal ordentlich ins Zeug legen, um pünktlich fertig zu werden.
- Beziehungsinformation: Ich weiß, dass der Zeitplan knapp ist, und bin da, falls ihr meine Unterstützung braucht. / Ich erwarte, dass ihr pünktlich fertig seid.
- Appell: Bitte plant es euch entsprechend ein und priorisiert dieses Projekt, damit wir pünktlich abgeben können. Andere Aufgaben könnt ihr schieben oder wir verteilen sie um. / Bitte plant ein, viele Überstunden zu machen, um dieses Projekt und all eure anderen Aufgaben zu schaffen.
Wie entstehen Missverständnisse?
Die Beispiele für die vier Botschaften im 4-Ohren-Modell zeigen es: Bei so vielschichtigen Nachrichten ist es leicht, einander misszuverstehen. Denn was der/die Sender*in auf den vier Ebenen meint, ist nicht immer das, was der/die Empfänger*in mit den vier Ohren im übertragenen Sinne auch „hört“ beziehungsweise interpretiert. Ist die Interpretation auch nur einer der vier Botschaften nicht richtig, kann das zu Missverständnissen und Konflikten führen.
Ein weiterer Stolperstein in der Kommunikation ist nach dem 4-Ohren-Modell auch die Kongruenz der Botschaften einer Nachricht. Stimmt das, was gesagt wird, auch mit den nonverbalen Signalen überein? Das ist zum Beispiel dann nicht der Fall, wenn eine Person „Mir schmeckt es nicht“ bekundet, während sie den Teller mit Freude leer isst.
Klar kommunizieren am Arbeitsplatz
Missverständnisse können also leicht entstehen. Umso wichtiger ist deswegen eine präzise und transparente Art der Kommunikation. Wer das 4-Ohren-Modell kennt, kann seine Aussagen entsprechend anpassen und Missverständnissen so entgegenwirken. Besonders am Arbeitsplatz sollten Sie daher folgende Tipps beachten:
- Formulieren Sie die Nachricht angepasst an den Empfängerkontext: Welche Informationen hat er/sie schon, welche werden noch benötigt?
- Wählen Sie die passende Art der Kommunikation: Ist hier ein persönliches Gespräch besser oder kann die Nachricht schriftlich übermittelt werden? Ohne Körpersprache und Tonfall kann es schwierig sein, eine Nachricht richtig zu interpretieren.
- Formulieren Sie klar, präzise und verständlich.
- Achten Sie auf die Kongruenz der Nachricht, damit sie nicht falsch interpretiert wird.
- Holen Sie Feedback ein, um sicherzugehen, dass die Nachricht so angekommen ist, wie Sie sie gemeint haben. Es ist wichtig, regelmäßig und am besten zeitnah Rückmeldungen einzuholen.
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Klare Kommunikation ist nicht immer einfach
Was man meint, ist nicht immer das, was beim Gegenüber auch ankommt. Für eine klare Kommunikation ist das 4-Ohren-Modell hilfreich: Es zeigt, für wie viel Verwirrung auch kurze und vermeintlich klare Aussagen sorgen können, und hilft dabei, einander besser zu verstehen. Wer mit Kolleg*innen oder Mitarbeitenden kommuniziert, sollte also auch mal die Perspektive wechseln und sich fragen, ob die eigenen Aussagen mit allen vier Ohren so gehört werden, wie sie gemeint sind.