Was ist disziplinarische Führung?
Disziplinarische Führung bedeutet, dass Sie als Führungskraft gegenüber den Mitarbeitenden die formale Weisungsbefugnis haben. Als disziplinarische Führungskraft sind Sie für viele organisatorische sowie arbeits- und personalrechtliche Entscheidungen zuständig, von der Genehmigung eines Urlaubsantrags über die Beförderung bis hin zur Einleitung von Disziplinarmaßnahmen. Ihre Verantwortungsbereiche können je nach Unternehmen variieren.
In den meisten Unternehmen ist die disziplinarische Führung üblich. Firmen mit flachen Hierarchien, Partnerschaftsmodellen oder selbstorganisierten Strukturen können auf klassische disziplinarische Führung verzichten oder die Personalführung komplett anders organisieren.
Aufgaben in der disziplinarischen Führung
Als disziplinarische Führungskraft tragen Sie die personelle Verantwortung für die Ihnen zugeordneten Mitarbeitenden im Rahmen der Ihnen übertragenen Zuständigkeiten. Je nach Zuständigkeiten können Ihre zentralen Aufgaben umfassen:
- Personalentscheidungen begleiten: Sie sind an der Personalauswahl, Beförderungen, Versetzungen und Kündigungen beteiligt.
- Mitarbeitergespräche führen: Zu Ihren Kernaufgaben gehört es, mit Mitarbeitenden Ziele zu vereinbaren. Zudem führen Sie Jahresgespräche, Feedbackgespräche und bei Bedarf Kritikgespräche.
- Mitarbeiter entwickeln: Gemeinsam mit den Mitarbeitenden identifizieren Sie den Entwicklungsbedarf und vereinbaren passende Maßnahmen für die Kompetenzentwicklung. Dazu können Schulungen, Jobrotation, Mentoring und spezielle Projekte gehören.
- Urlaub und Abwesenheiten koordinieren: Sie prüfen und genehmigen Urlaubsanträge und Dienstreisen und stellen sicher, dass abwesende Mitarbeitende vertreten werden.
- Gehalt und Boni mitgestalten: Sie schlagen Gehaltsanpassungen vor oder genehmigen die Auszahlung von Boni, wenn Ihr Team die entsprechenden Leistungen erbracht hat.
- Teaminteressen vertreten: Im Rahmen der Unternehmensstrategie vertreten Sie die Interessen Ihres Teams. Hier kann es um die Anschaffung einer neuen Maschine gehen, Mittel für eine Schulung oder die Beteiligung an einem prestigeträchtigen Projekt. Sie schützen das Team auch vor ungerechtfertigter Kritik.
- Unternehmensrichtlinien durchsetzen: Sie stellen sicher, dass Mitarbeitende die Richtlinien des Unternehmens einhalten und Pflichtschulungen absolvieren, z. B. zu IT-Sicherheit, Corporate Behaviour oder Arbeitsschutz.
- Arbeitsrecht einhalten: Sie sind dafür verantwortlich, die disziplinarische Führung im Einklang mit dem Arbeitsrecht auszuüben. Dies bedeutet, dass Sie aktuelle Vorschriften und gesetzliche Kündigungsfristen einhalten müssen.
- Disziplinarmaßnahmen verhängen: Bei Pflichtverletzungen oder Verstößen gegen die Richtlinien des Unternehmens können Sie Disziplinarmaßnahmen wie eine Abmahnung einleiten, wenn konstruktives Feedback keine Wirkung zeigt. In der Regel arbeiten Sie dabei mit der Personalabteilung zusammen.
Unterschied zwischen disziplinarischer und fachlicher Führung
Die disziplinarische Führung orientiert sich am Arbeitsrecht sowie an der Personalpolitik und den internen Richtlinien eines Unternehmens. Dies spiegelt die formale Personalverantwortung wider, die je nach Zuständigkeit auch die Mitwirkung an Kündigungsentscheidungen umfassen kann.
Bei der fachlichen Führungsverantwortung stehen inhaltliche Fragen und Projektziele im Vordergrund. Fachliche Führungskräfte weisen Aufgaben in Projekten zu, geben Themenschwerpunkte vor oder legen bestimmte Methoden fest.
Ausgestaltung der disziplinarischen Führung
Die disziplinarische Führung kann, muss aber nicht mit fachlicher Führungsverantwortung gekoppelt sein. Denn je nach Struktur und Ausrichtung eines Unternehmens kann eine Trennung der fachlichen und disziplinarischen Führung sinnvoll sein.
Fachliche und disziplinarische Führung in einer Hand
Wenn Sie sowohl fachliche als auch disziplinarische Führung wahrnehmen, können Sie direkt entscheiden, ohne sich mit einer zweiten Führungskraft abstimmen zu müssen. Allerdings haben Sie als Führungskraft mehr Führungsaufgaben und müssen dafür mehr Zeit einplanen.
In Handwerksbetrieben, Start-ups sowie in kleinen und mittleren Unternehmen liegt es nahe, die fachliche und disziplinarische Führung in Personalunion auszuüben. Auch in größeren Firmen mit klar abgegrenzten Fachabteilungen oder Funktionsbereichen können fachliche und disziplinarische Führung – abhängig von Aufgaben, Organisationsstruktur und Führungsmodell – in einer Person gebündelt werden.
Getrennte fachliche und disziplinarische Führung
Eine Trennung von fachlicher und disziplinarischer Führung findet häufig in internationalen Konzernen statt: Die Führungskraft in der Tochtergesellschaft übt die disziplinarische Führung aus, während die fachliche Verantwortung beim Fachbereich in der Zentrale liegt. In Matrixorganisationen sind die disziplinarische und fachliche Führung häufig ebenfalls getrennt, zum Beispiel in wissensintensiven Branchen oder innovativen Firmen.
Gerade bei spezialisierten Aufgaben kann einschlägiges Fachwissen hilfreich sein, um Mitarbeitende fachlich fundiert anzuleiten und Entscheidungen zu unterstützen. So könnten die Mitarbeitenden der Technologietransfer-Abteilung einer Hochschule von einer Verwaltungskraft disziplinarisch geführt werden. Die fachliche Führung liegt aber bei Spezialist*innen, die mit den Trends der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen vertraut sind.
Dies hat den Vorteil, dass technische Fragen in ausreichender Tiefe geklärt werden können. Allerdings ist der Abstimmungsbedarf höher und es können Konflikte entstehen, wenn beide Führungskräfte widersprüchliche Vorgaben machen.
Disziplinarische Führung in Start-ups und KMU
In kleinen und mittleren Unternehmen sowie Start-ups übernehmen Gründer*innen häufig die fachliche und die disziplinarische Mitarbeiterführung. Diese Doppelrolle erfordert ein hohes Maß an Sensibilität, da persönliche Nähe im kleinen Team leicht zu Rollenkonflikten führen kann. Führen Sie deshalb feste Gesprächstermine ein, zum Beispiel wöchentliche Check-ins für fachliche Fragen. Dadurch trennen Sie fachliche und personelle Themen deutlich.
Manche Unternehmen versuchen, auf disziplinarische Führung zu verzichten. Stattdessen setzen sie auf eine fachliche oder laterale Führung. Eine solche offene Unternehmenskultur, in der sich alle einbringen können, kann attraktiv für neue Talente sein. In Krisen könnte sich der Verzicht auf disziplinarische Führung jedoch als problematisch erweisen.
Disziplinarische Führung und Führungsstile
Eine disziplinarische Führungskraft muss im Sinne der internen Personalpolitik handeln und interne Richtlinien durchsetzen. Dennoch ist mit der disziplinarischen Führung nicht automatisch ein autoritärer Führungsstil verbunden. Im Gegenteil: Auch disziplinarische Vorgesetzte können einen demokratischen Führungsstil haben und Mitarbeitende in ihre Entscheidungen einbeziehen, ihnen Freiräume geben und zur eigenverantwortlichen Arbeit anregen.
Welchen Führungsstil Sie als disziplinarische Führungskraft letztlich ausüben, hängt von der Kultur und den Werten eines Unternehmens ab. Auch die Branche und das wirtschaftliche Umfeld können eine Rolle spielen.
Tipps für die disziplinarische Führung in der Praxis
Damit Ihnen die disziplinarische Führung im Alltag gelingt, können Sie beispielsweise die folgenden Methoden und Konzepte nutzen:
- Regelmäßige Feedbackgespräche führen: Warten Sie nicht bis zum Jahresgespräch, um Feedback zu geben. Führen Sie regelmäßige formelle und informelle Mitarbeitergespräche, um konkrete Situationen, Verhaltensweisen und deren Auswirkungen anzusprechen.
- Mitarbeitende motivieren: Als disziplinarische Führungskraft gehört auch die Mitarbeitermotivation zu Ihren Aufgaben: durch bestärkendes Feedback, anspruchsvolle Aufgaben, neue Freiräume und Erfolgserlebnisse.
- Zielvereinbarungen nutzen: Formulieren Sie Ziele nach der SMART-Methode (spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert). Damit legen Sie die Erwartungen für beide Seiten eindeutig fest. Passen Sie Ziele an, wenn sich die Aufgaben oder das Umfeld ändern.
- Rahmenbedingungen vorgeben: Sorgen Sie dafür, dass alle im Team ihre jeweiligen Aufgaben und Zuständigkeiten kennen. Sie vermeiden dadurch, dass Unsicherheit oder gar Konflikte produktives Arbeiten beeinträchtigen.
- Bewusst delegieren: Wenn Sie die disziplinarische Führung für viele Mitarbeitende haben, übertragen Sie fachliche Führungsaufgaben an die jeweiligen Teamleitungen. Das entlastet Sie und stärkt gleichzeitig die fachliche Führung.
- Alles Wichtige dokumentieren: Halten Sie wichtige Gespräche, Zielvereinbarungen und Entscheidungen schriftlich fest. Damit sind sie stets nachvollziehbar und Sie sichern sich ab. Wenn Ihr Unternehmen über ein Human-Resources-Information-System verfügt, können Sie alle Informationen dort erfassen.
Fallstricke bei der disziplinarischen Führung
Die disziplinarische Führungsverantwortung kann die Beziehungen zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden beeinträchtigen, wenn sich Letztere ständig kontrolliert fühlen oder den gewünschten Freiraum nicht bekommen. Vermeiden Sie daher die folgenden Fallstricke:
- Fehlender Freiraum: In der Kreativwirtschaft oder in wissensbasierten Branchen wünschen sich Mitarbeitende ausreichenden Gestaltungsspielraum. Zeigen Sie, dass disziplinarische Führung mit Freiraum und Eigenverantwortung vereinbar ist, indem Sie einen entsprechenden Führungsstil wählen. So schaffen Sie ein Umfeld, in dem Mitarbeitende ihre Ideen einbringen können. Das fördert die Zufriedenheit am Arbeitsplatz und kann das Innovationspotenzial stärken.
- Übermäßige Kontrolle: Wenn disziplinarische Führung vorwiegend als Kontrolle wahrgenommen wird, kann dies Produktivität und Leistungsbereitschaft beeinträchtigen. Verzichten Sie daher auf Mikromanagement, wenn Ihre Mitarbeitenden die gewünschten Ergebnisse liefern. Nutzen Sie die vorhandenen Stärken und Kompetenzen im Team und Methoden des Coachings, anstatt zu enge Vorgaben zu machen.
- Mangelnde Akzeptanz: Vermeiden Sie, dass Ihnen disziplinarische Führungskompetenz abgesprochen wird: Kommunizieren Sie klar und lassen Sie keine Zweifel aufkommen, wer die Führungsverantwortung hat. Wenn Sie erstmals Führungsaufgaben übernehmen, kann Coaching oder Mentoring durch eine erfahrene Führungskraft hilfreich sein.
Was zeichnet eine gute disziplinarische Führungskraft aus?
Als disziplinarische Führungskraft benötigen Sie neben Fachwissen auch wichtige Soft Skills. Diese helfen Ihnen, Mitarbeitende klar und wertschätzend zu führen und auch in schwierigen Situationen souverän zu handeln.
Einfühlungsvermögen
Sie erkennen, wenn Mitarbeitende überlastet sind, auch wenn sie es nicht offen ansprechen. Empathie hilft Ihnen, Signale für Überforderung und sinkende Motivation zu erkennen und rechtzeitig das Gespräch zu suchen.
Kommunikationsstärke
Gute disziplinarische Führung bedeutet, auch unangenehme Themen klar anzusprechen, etwa Leistungsdefizite und häufige Fehlzeiten. Unter Umständen müssen Sie auch die Erwartungen realistisch einordnen und eine ausbleibende Beförderung oder Gehaltserhöhung erklären. Im schlimmsten Fall müssen Sie ein Kündigungsgespräch führen, wenn sich das Unternehmen von Mitarbeitenden trennen möchte.
Zielorientierung
Sie berücksichtigen sowohl die individuellen Entwicklungsziele Ihrer Mitarbeitenden als auch die Unternehmensziele und stimmen beide aufeinander ab. Sie legen in entscheidenden Phasen klare Ziele und Prioritäten fest, damit Ihre Teammitglieder zu den Unternehmenszielen beitragen und Sie dadurch die eigenen Ziele erreichen.
Konfliktfähigkeit
Konflikte im Team bleiben nicht aus. Suchen Sie in Konfliktsituationen frühzeitig das klärende Gespräch. Moderieren Sie Konflikte innerhalb des Teams, damit sie sich nicht negativ auf Arbeitsklima und Leistungsfähigkeit auswirken. Gehen Sie den Ursachen von Konflikten auf den Grund. Möglicherweise haben Sie die Aufgaben nicht klar genug abgegrenzt oder unbewusst zu einer Konkurrenzsituation beigetragen.
Disziplinarische Führung ist in vielen Unternehmen wichtig, um Ziele klar zu steuern, Verantwortlichkeiten festzulegen und ein produktives Arbeitsumfeld zu unterstützen. Sie ist nicht automatisch an einen autoritären Führungsstil geknüpft. Vielmehr kann sie dazu beitragen, dass Rollen und Verantwortlichkeiten klar definiert sind und Mitarbeitende Orientierung und verlässliche Rahmenbedingungen erhalten.