Vorstellungsgespräche gezielt nutzen: Kandidat*innen ganzheitlich einschätzen
Vorstellungsgespräche sind ein strategisches Werkzeug, um den Auswahlprozess erfolgreich zu gestalten. Richtig eingesetzt, liefern sie nicht nur Informationen über Qualifikationen, sondern auch wertvolle Einblicke in Potenzial, Arbeitsweise und Entwicklungsmöglichkeiten von Bewerber*innen. Entscheidend ist, das Gespräch bewusst zu steuern und die Fragen so auszuwählen, dass sie mehr als Standardantworten hervorbringen. Auf diese Weise lassen sich Kandidat*innen ganzheitlich einschätzen und die Grundlage für eine fundierte Einstellungsentscheidung schaffen. Ein klar strukturierter Interviewleitfaden und ein Bewertungsbogen helfen dabei, Vergleichbarkeit zwischen den Gesprächen herzustellen und dennoch Raum für individuelle Antworten zu lassen. Gleichzeitig signalisiert ein professionell geführtes Bewerbungsgespräch Wertschätzung und stärkt die Arbeitgebermarke.
Arten von Interviewfragen
Im Vorstellungsgespräch kommen verschiedene Arten von Fragen zum Einsatz, um ein umfassendes Bild von den Bewerber*innen zu erhalten. Neben klassischen Fragen zur Person und zum beruflichen Werdegang werden häufig auch Fragen zu Soft Skills, zur Unternehmenskultur und zur Teamfähigkeit gestellt.
Typischerweise lassen sich folgende Fragearten unterscheiden:
1. Biografische Fragen
Durch den Rückblick auf den Werdegang können Sie mehr über bisherige Erfahrungen, Entscheidungen und auch bestimmte wiederkehrende Muster erfahren. Zudem lässt sich über offene Fragen auch gut erkennen, wie gut Kandidat*innen sich auf ihre Selbstpräsentation vorbereitet haben.
Beispiele:
- „Erzählen Sie uns etwas über sich.“
- „Warum haben Sie sich für diesen Studiengang entschieden?“
- „Was waren Ihre wichtigsten Stationen bisher?“
2. Fachliche bzw. kompetenzbezogene Fragen
Mit diesen Fragen werden Fachkenntnisse und berufliche Qualifikationen überprüft. Es geht also um konkretes Know-how, Methodenkompetenz und Problemlösungsfähigkeiten.
Beispiele:
- „Wie gehen Sie bei der Erstellung eines Redaktionsplans vor?“
- „Welche Tools nutzen Sie für XY?“
- „Wie bleiben Sie fachlich auf dem Laufenden?“
3. Verhaltensbezogene Fragen
Verhaltensbezogene Fragen erlauben Rückschlüsse aus vergangenem Verhalten auf zukünftiges Handeln und lassen erkennen, wie reflektiert Kandidat*innen mit Situationen umgegangen sind, die für sie herausfordernd waren.
Beispiele:
- „Erzählen Sie von einer Situation, in der Sie ein Projekt unter großem Zeitdruck abgeschlossen haben.“
- „Wie sind Sie mit schwierigen Kolleg*innen umgegangen?“
- „Erinnern Sie sich daran, als Sie eine Führungskraft von einer Idee überzeugen mussten. Wie sind Sie dabei vorgegangen?“
4. Situative Fragen
Wenn Sie ein hypothetisches Verhalten in künftigen Situationen einschätzen wollen, bieten sich situative Fragen an. Hier können Sie die Denkweise und das Entscheidungsverhalten der Kandidat*innen abfragen und herausfinden, ob sie in der Lage sind, Prioritäten zu setzen.
Beispiele:
- „Was würden Sie tun, wenn eine Kundin sich beschwert, obwohl Sie keinen Fehler gemacht haben?“
- „Wie würden Sie reagieren, wenn Sie mehrere Deadlines gleichzeitig einhalten müssen?“
- „Wie würden Sie Teammitglieder motivieren, die vor einer plötzlichen Herausforderung stehen?“
5. Motivationsfragen
Wenn Sie wissen wollen, ob die Kandidat*innen gut in Ihr Team und ins Unternehmen passen würden, finden Sie mit diesen Fragen heraus, was sie innerlich antreibt.
Beispiele:
- „Warum möchten Sie gerade bei uns arbeiten?“
- „Was reizt Sie an dieser Position?“
- „Was sind Ihre langfristigen Ziele?“
6. Persönlichkeitsfragen
Um beurteilen zu können, wie reflektiert Bewerber*innen sind und welche Haltung bzw. Werte sie vertreten, können Sie diese Fragen nutzen.
Beispiele:
- „Wie gehen Sie mit Kritik um?“
- „Was bedeutet Teamarbeit für Sie?“
- „Worauf sind Sie stolz?”
Ein strukturierter Leitfaden kann dabei helfen, alle wichtigen Themen im Blick zu behalten und sich gezielt auf typische Fragen vorzubereiten. Ein Fragenkatalog oder passende Vorlagen können dabei unterstützen, relevante Themenbereiche systematisch abzudecken und das Vorstellungsgespräch effektiv und effizient durchzuführen.
Beispielfragen im Vorstellungsgespräch
Die folgenden Beispielfragen können Ihnen Einblicke in die Berufsbiografie der Bewerber*innen und deren Selbsteinschätzung geben. Gezielte Interviewfragen sind entscheidend dafür, die Kompetenzen der Kandidat*innen im Einstellungsprozess zu bewerten.
1. Welcher berufliche Erfolg macht Sie besonders stolz?
Mit dieser Interviewfrage erfahren Sie nicht nur mehr über die Karriere-Highlights der Kandidat*innen, sondern auch über die Dinge, die sie mit Stolz erfüllen. Die Antwort spiegelt in der Regel wider, ob Kandidat*innen sich durch ein gesundes Selbstbewusstsein auszeichnen und ihre Erfolge benennen sowie idealerweise auch belegen können.
2. Was zeichnet Sie aus, das nicht in Ihrer Bewerbung steht?
Jobsuchende zeigen sich in ihren Lebensläufen von ihrer besten Seite. Dadurch fehlen Ihnen jedoch mitunter einige Informationen über die Bewerber*innen. Diese Frage ist aus einem ganz bestimmten Grund so unpräzise formuliert: Nun müssen Bewerber*innen entscheiden, ob sie weitere Informationen über ihre berufliche Vergangenheit teilen oder nicht. Vielleicht erzählen sie von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit, dem Auslandsjahr nach dem Abitur oder einer anderen prägenden Erfahrung. Die Antwort auf diese Frage verrät Ihnen viel über Ihre Kandidat*innen.
3. Warum haben Sie sich bei uns beworben?
Anhand dieser Frage merken Sie, wie gut Bewerber*innen sich über Ihr Unternehmen informiert haben, und Sie erfahren, was ihnen bei der Auswahl des Arbeitgebers wichtig ist. Achten Sie bei der Antwort auf diese Frage auf Details, die sie in Bezug auf Ihr Unternehmen nennen. Dies kann viel über ihre Karriereziele, ihren Charakter und ihre Motivation verraten.
4. Warum haben Sie sich auf diese Stelle beworben?
Diese Frage ist besonders wichtig, da sie eine Überleitung zu den Einzelheiten der zu besetzenden Stelle herstellt. Bewerber*innen können zeigen, wie aufmerksam sie die Stellenbeschreibung gelesen haben, und erklären, warum sie die ideale Besetzung für die Stelle wären. Bestenfalls können sie deutlich machen, über welche Fähigkeiten sie bereits verfügen und in welchen Bereichen sie sich noch weiterentwickeln möchten.
5. Was sind Ihre größten Schwächen?
Dies ist eine der bekanntesten Fragen in Vorstellungsgesprächen, da die Antwort in kurzer Zeit viel über die Bewerber*innen verraten kann. Bedenken Sie jedoch, dass die meisten Kandidat*innen sich gerade auf diese Frage sehr gut vorbereiten, sodass die Antwort nicht immer Aufschluss darüber gibt, welche tatsächlichen Schwächen sie bei sich sehen. Die Frage kann aber aufzeigen, ob Kandidat*innen sich ihrer Schwächen bewusst sind und wie sie ggf. an ihren Defiziten arbeiten.
6. Was sind Ihre größten Stärken?
Ähnlich wie bei der Frage nach den Schwächen verrät Ihnen die Antwort auf diese Interviewfrage neben den Stärken mehr über das Selbstbewusstsein der Bewerber*innen. Idealerweise können sie in ihrer Antwort erklären, wie sie ihre Stärken im Rahmen der Stelle nutzen wollen, um zum Erreichen der Unternehmensziele beizutragen.
7. Mit welcher schwierigen Situation im Berufsleben wurden Sie in Ihrer Vergangenheit konfrontiert, und wie haben Sie diese bewältigt?
Herausfordernde Situationen hat jeder in seiner beruflichen Laufbahn schon einmal bewältigen müssen. Lassen Sie sich von den Bewerber*innen erläutern, wie sie sich verhalten haben, wenn sie unter Druck standen, und wie sie ihre Problemlösungskompetenz genutzt haben, um mit Konflikten und schwierigen Situationen umzugehen.
8. Wieso möchten Sie Ihren aktuellen Arbeitgeber verlassen?
Achten Sie bei dieser Frage darauf, wie die Bewerber*innen über ihre frühere Arbeitsstelle sprechen. Konzentrieren sie sich hauptsächlich auf positive oder eher auf negative Aspekte, und äußern sie bestimmte Wünsche für die Zukunft? Es zeugt von Höflichkeit und Professionalität, wenn Bewerbende positiv über ihren ehemaligen Arbeitgeber und die vorherige Stelle sprechen. Diese beiden Eigenschaften sind in allen Berufen unverzichtbar.
9. Was bedeutet Teamfähigkeit für Sie?
Bei der Auswahl neuer Mitarbeiter*innen ist es ein entscheidender Faktor, ob diese zur Unternehmenskultur passen. Unternehmen möchten wissen, ob die Kandidat*innen die Werte und Ziele des Unternehmens teilen und sich harmonisch in das bestehende Team einfügen können. Die Antwort auf diese Frage kann Ihnen Aufschluss darüber geben, was die Kandidat*innen brauchen, um sich im Team zu entfalten, und ob sie in die Teamstruktur passen.
Sie können damit auch überprüfen, wie gut die Kandidat*innen sich mit den Grundsätzen und dem Arbeitsumfeld des Unternehmens identifizieren können. Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen Werte und Ziele im Gespräch klar zu kommunizieren, um sicherzustellen, dass beide Seiten die gleichen Erwartungen an die Zusammenarbeit haben.
10. Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Die Frage nach der Karriereentwicklung ist ein fester Bestandteil vieler Vorstellungsgespräche. Für Sie ist natürlich interessant, welche Ziele die Bewerber*innen verfolgen und ob sie sich langfristig im Unternehmen sehen. Die Antworten helfen Ihnen dabei, die Motivation und Ambitionen der Bewerber*innen einzuschätzen. Gleichzeitig bietet das Gespräch die Möglichkeit, die eigenen Angebote zur Weiterbildung und zur beruflichen Entwicklung vorzustellen und so das Interesse und die Bindung potenzieller Talente an das Unternehmen zu stärken.